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Nina Bußmann ist die aktuelle Lüneburger Heine-Literaturstipendiatin. Am Mittwoch, 4. Februar, stellt sie sich mit einer Lesung vor. Foto: ff
Nina Bußmann ist die aktuelle Lüneburger Heine-Literaturstipendiatin. Am Mittwoch, 4. Februar, stellt sie sich mit einer Lesung vor. Foto: ff

Der Mantel der Erde ist heiß

ff Lüneburg. Schramm ist raus. Bereits seit einigen Monaten unterrichtet er nicht mehr. Mathe, Physik, Erdkunde alles gelaufen. Nun hockt er vor seinem Häuschen und prokelt in penibler Kleinarbeit das Unkraut zwischen den Pflastersteinen der Garagenausfahrt hervor. Das macht den Kopf frei. Schramm versucht, seine Erinnerungen zu ordnen, vergeblich. Wie war das mit Waidschmidt, diesem seltsamen Schüler, mit dem er in den Pausen oft in aller Stille zusammenhockte? „Große Ferien“ heißt der Roman, mit dem Nina Bußmann ein vielbeachtetes Romandebüt gelang. Aktuell arbeitet die junge Autorin als Literatur-Stipendiatin im Heinrich-Heine-Haus.

Dieser Roman ist eine harte Nuss. Wir werden nie erfahren, was zwischen Lehrer und Schüler war, wahrscheinlich weiß es die Autorin auch nicht. Im Mittelpunkt steht sowieso eher der Versuch, Klarheit zu schaffen, die Wahrheit zu finden wenn schon nicht für alle, so doch wenigsten für Schramm selbst. Immer wieder schweifen seine Gedanken ab in die Vergangenheit, zu kleinen Episoden mit den Eltern, dem Bruder, der ihn heute Abend besuchen will. Nina Bußmann erweist sich als präzise Beobachterin von Details, schreibt in klaren Konturen, aber das Bild von Schramm, er ist so Mitte oder Ende fünfzig, wird insgesamt kaum schärfer.

Die Unschärfe entwickelt sich zum zentralen Thema: Mathe, Physik Schramm liebt die Klarheit dieser Disziplinen, aber auch sie bieten letztlich keine Gewissheit. Je tiefer man/frau in die Welten der Formeln und Gesetze eindringt, um so verwirrender werden sie, dann läuft die Zeit nicht mehr gleichmäßig vorwärts, und selbst einfache Zahlen zeigen sich als störrische Gesellschaft von Individuen. Nina Bußmann lotet den Wahrheitsbegriff aus, die Zuverlässigkeit von Wahrnehmung, die Aussagekraft von Sprache das gesamte Gerede, Geraune, Geschwätz, aus dem wir unsere Erkenntnisse schöpfen und das Miteinander regeln.

Fest steht: Nina Bußmann, 1980 in Frankfurt/Main geboren, wohnt heute in Berlin. Sie studierte Philosophie und Komparatistik (vergleichende Literaturwissenschaft) in Berlin und Warschau, erhielt Stipendien und gewann den 3sat-Preis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs 2011 mit einem Auszug aus den „Großen Ferien“. Ein bemerkenswertes Debüt, aber für sie als Autorin nicht wirklich eine Premiere, zwei Manuskripte waren vorher unveröffentlicht geblieben. Klassische Plots, die übliche „Heldenreise“, straff geführte Handlungen, all das findet Nina Bußmann eher langweilig „Malen nach Zahlen“, sagt sie.

Das nächste Buch ist in Arbeit, es führt eine Erdbebenforscherin von Frankfurt/Main nach Nicaragua und trägt den Arbeitstitel „Der Mantel der Erde ist heiß und teilweise geschmolzen“ wir bewegen uns nun mal (im konkreten wie im übertragenen Sinne) auf unsicherem Boden, das lehrte auch Schramm in Erdkunde, und da bleibt sich die Autorin treu. Lüneburg, obwohl auf Senkungsgebiet gebaut, empfindet sie als verlässlichen Raum zum Arbeiten; Ablenkung: Kino und Schwimmbad.

Am Mittwoch, 4. Februar, stellt sich Nina Bußmann im Heine-Haus vor. Sie liest zusammen mit Markus Orths (Heine-Stipendiat 2006), der mit dem Bestseller „Lehrerzimmer“ bekannt wurde und nun aus „Alpha & Omega. Apokalypse für Anfänger“ liest. Monika Sulner moderiert.