Donnerstag , 29. September 2016
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Dr. Johannes Voit sprach auf Einladung des Vereins Culturado über seine Arbeit als Kunst- und Musikvermittler. Foto: ff
Dr. Johannes Voit sprach auf Einladung des Vereins Culturado über seine Arbeit als Kunst- und Musikvermittler. Foto: ff

„Heimlicht im Hochhaus“ – Culturado-Vortrags-Reihe „20 Minutes“

ff Lüneburg. Dr. Johannes Voit arbeitet als Referent für Musikvermittlung an der Kölner Philharmonie. Seine Aufgabe ist es, vor allem junge Menschen an die klassische Musik heranzuführen, generell an das Theater, die Oper, den etablierten Konzertbetrieb. Solche Job-Profile sind neu. In einer Zeit, in der die Künstler auf der Bühne oft die jüngsten Personen im Saal sind, machen sich viele Intendanten, Veranstalter und Kulturpolitiker Sorgen um den Nachwuchs im Publikum. Auf Einladung des Vereins Culturado sprach Dr. Johannes Voit im Freiraum über seine Arbeit; Thema: „Musiktheater 2.0 – Bürgerbeteiligung in Kunstprojekten.“

Orchester und Theaterensembles üben sich in der Kunst, mit knapper werdenden öffentlichen Mitteln auszukommen. Zugleich etablieren sich oft unter professioneller Regie allerorts Bürgerbühnen und Laienspielgruppen. „Im Raum Lüneburg gibt es rund 40 Laienensembles“, so Jürgen Baumgarten, Vorsitzender des Amateurtheaterverbands Niedersachsen. Wird es da nicht langsam eng?

Hier die hohe Kunst, dort, jenseits des Orchestergrabens, der ehrfürchtig schweigende Zuschauer – diese strikte Trennung zwischen Laie und Profi verliert immer mehr an Bedeutung. Das Theater Lüneburg beispielsweise pflegt die Zusammenarbeit mit ambitionierten Freunden der Musik und der darstellenden Kunst auf vielen Ebenen: Theaterjugend-, Tanzjugend- und Seniorentheaterclub, Kinder- und Jugendchor des Theaters, Extra-Chor (für große Musik-Inszenierungen), die regelmäßigen Produktionen „Das junge Musical“ und die Ballettschule des Theaters.

Im Rahmen der monatlichen Culturado-Vortrags-Reihe „20 Minutes“ umriss der promovierte Musikwissenschaftler Voit Hintergründe und Erscheinungsformen aktueller Partizipationsprojekte. Unbedingte Werktreue ist nicht immer das Maß aller Dinge. Komponisten und Künstler wie John Cage und Joseph Beuys haben ihre Pläne immer wieder dem Gestaltungswillen des Ausführenden überlassen, um mehr soziale Nähe zu schaffen und das Bewusstsein für die gesellschaftspolitische Relevanz künstlerischer Arbeit zu schärfen.

In diesem Zusammenhang beschrieb Dr. Johannes Voit ein Partizipationsprojekt, das er nach drei Monaten Vorbereitung – in einem Dresdner Hochhaus mit 90 Wohnungen realisierte: Unter dem Titel „Heimlicht“ waren die Bewohner aufgefordert, Performances und Konzerte gemeinsam zu gestalten; die Intention: mit Hilfe der Kunst die Grenzen zwischen den Nachbarn, privatem und öffentlichem Raum aufzuweichen. Das klappte recht gut, schließlich waren die Menschen einander vorher weitgehend fremd. Insgeheim hatte Dr. Voit wohl auf etwas mehr Resonanz im Haus gehofft, er zeigte sich aber zufrieden.

Ein zweites Beispiel: Die Kölner Philharmonie vergibt regelmäßig Kompositionsaufträge, das Ergebnis wird dann mit jeweils zwölf Grundschulklassen, mit rund 300 Kindern, auf die Bühne gebracht. Das sind dann Events, die von großer Aufregung und viel Enthusiasmus begleitet werden. Und natürlich sind sie nachhaltig, das heißt, die Auftritte hinterlassen schöne Erinnerungen. Ob aber die Kinder eines Tages zu Theater-Abonnenten werden, bleibt unklar. Entsprechende Langzeit-Untersuchungenn, so Dr. Johannes Voit, gebe es nicht.