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Über die Wüste Alter gibt es nur wenig Literatur, meint Eberhard Rathgeb. Sein Roman umkreist das Sterben einr alten Frau. Foto: t&w
Über die Wüste Alter gibt es nur wenig Literatur, meint Eberhard Rathgeb. Sein Roman umkreist das Sterben einr alten Frau. Foto: t&w

LiteraTour Nord: Eberhard Rathgeb liest

oc Lüneburg. Der Titel des Romans führt fürchterlich in die Irre. Unter einem „Paradiesghetto“ könnte sich der Geschichtslose heute so etwas wie den Robinson-Club vorstellen. Die Geschichte aber lehrt, dass der Begriff zynischerweise vom Kommandanten des KZs Theresienstadt benutzt wurde. In einem sublimierten Sinn beschreibt der Begriff aber auch in aller gebotenen Vorsicht die Situation der Protagonistin von Eberhard Rathgebs gleichnamigen Roman, den er jetzt bei der LiteraTour Nord im Heinrich-Heine-Haus vorstellte.

Es ist ein Buch vom Sterben, von der letzten Einsamkeit, von einem zähen Prozess, von Verbitterung und nicht gelebtem Leben. „Es gibt wenig Literatur über die Wüste Alter, die wollte ich beleben“, sagt Rathgeb. Im Zentrum steht die 81-jährige Elisa, sie lebt irgendwo im Abseits in einer Doppelhaushälfte. Ihr Mann ist tot, ihre Töchter kommen selten, sie haben ihr einen Hund geschenkt. Elisa wurde in Buenos Aires geboren, folgte nach dem Krieg ihrem Mann widerwillig nach Deutschland. Sie kam nie an, „sie erfüllte ihre Pflichten und übte sich im Verzichten“, heißt es bei Rathgeb.

Am Ende des Lebens, wenn für Hoffnungen und Sehnsüchte keine Zeit mehr bleibt, öffnet sich als wohl letzte Freiheit ein Gedankenraum, um das eigene Leben zu betrachten. Rathgeb gibt den Tenor seines Buches mit dem ersten Satz vor: „Sie hatte das Glück nicht gemocht und war mit ihrem Unglück alt und einsam geworden.“ Über ihr persönliches Schicksal türmt Elisa das Thema der Schuld auf, als Angehörige einer Nation, die schier unbegreiflicherweise und doch systematisch sechs Millionen Juden ermordete. Elisa, die nicht weiß, wie es ihr Vater mit den Nazis hielt, taucht tief ein in Bücher und Filme zur Judenvernichtung. Sie tischt das Thema ihren Töchtern bei jedem Treffen auf, die aber wollen das Leben als Glück begreifen. Immer wieder schaut sich Elisa Filme vom Eichmann-Prozess in Jerusalem an, und sie kann bei allem Grauen die grenzenlose Einsamkeit nachfühlen, die um diesen Mann liegt, den die Welt nur als Monster im Bewusstsein haben kann.

Rathgeb, der in dieser Woche 56 Jahre alt wurde, war lange Jahre FAZ-Feuilletonredakteur. Er nimmt sich als Person ganz hinter sein Schreiben zurück. „Das Paradiesghetto“ schrieb er aus dem Bewusstsein der alten vergrämten Elisa heraus. Das Thema Judenvernichtung und das von der Glücksverweigerung steigt immer wieder aus den Gedanken Elisas herauf, mit schon mantra-artig wiederkehrenden Formulierungen. Innere Monologe, tatsächliche und scheinbare Gespräche mit dem toten Mann und mit ihren Töchtern verweben sich im Text. Das ist dicht komponiert und konsequent und kommt dem Lesenden sehr nah.

Prof. Dr. Sven Kramer von der Leuphana moderierte auch dden Abend. Die Lesereihe der LiteraTour Nord 2014/15 ist vorbei, am 20. Februar tagt die Jury. Kandidaten für den mit 15000 Euro dotierten, von der VGH-Stiftung gestellten Preis sind außer Eberhard Rathgeb noch Sabrina Janesch, Michael Köhlmeier, Peter Rosei, Robert Seethaler und Lutz Seiler.