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Nein, das ist nicht Amy Winehouse. Das ist Oliver Hennes, designt von Marco Wenzig, in Amys Weinhaus. Foto: t&w
Nein, das ist nicht Amy Winehouse. Das ist Oliver Hennes, designt von Marco Wenzig, in Amys Weinhaus. Foto: t&w

SomnamBar im T.NT: Nachts bei den Versprengten

oc Lüneburg. Es wird Nacht, die Straßen leeren sich, der brave Bürger schaltet den Fernseher aus und putzt die Zähne. Zurück bleiben die Versprengten, die Unruhigen, die den Wolf in sich spüren, die müde sind und doch keinen Schlaf finden. Sie zieht es in die Bars, in denen das Licht gnädig ist zu den Kerben in ihrem Gesicht, dorthin, wo sie ihr Bier aus der Flasche trinken, den Jack Daniel´s shotweise in die Kehle gießen. Manchmal fängt einer an zu singen, mal prahlt einer, mal lallt einer sentimentales Zeug. So geht es zu in „Amys Weinhaus“, und eigentlich ist es schade, dass diese Amy tatsächlich nur eine runde Stunde lang am Tresen stand bei der jüngsten SomnamBar, dem Spätformat des Theaters.

Voll war es im Foyer des T.NT. Am Tresen bediente Amy persönlich, eine Amy also, wie sie als Winehouse ein Popstar war und im Sommer 2011 an Alk und Drogen zugrunde ging. Haare hochgesteckt, Tattoos, Kippe im Mund, High Heels Oliver Hennes gab, designed by Marco Wenzig, eine wunderbare Reinkarnation ab.

Das andere Zentrum des Abends galt ebenfalls einem Verblichenen: Charles Bukowski (1920-1994). Er war ein Poet der Gosse, drastisch, selbstironisch, böse. Ein Säufer, einer, der zu den Huren ging, der klassische Musik liebte und „ein Stachel im Arsch der Gesellschaft“ war, wie es die Charles-Bukowski-Gesellschaft nennt, die ihren Sitz in Andernach hat, der Geburtststadt des Autors.

Bukowski scherte sich ähnlich wie Cartoonist Robert Crumb einen Dreck um das, was heute als politisch korrekt gilt. Es geht um das Leben ganz unten, um Alkohol, Gewalt, Einsamkeit und sehr oft um billigen Sex. Bukowski-Texte können verblüffend poetisch sein, sind öfter brutal in ihrer Direktheit und nie etwas für zarte Gemüter, und noch weniger sind sie politisch korrekt in Sachen Frauenbild.

Fabian Kloiber und Philip Richert trafen eine Textauswahl, die Bukowskis Seiten gut abbildete. Im Raum verteilt lasen Kollegen und Freunde Gedichte, Prosaskizzen, Anekdoten. Manche inszenierten ihren Part, und auf der Bühne sorgten Richert, Olga Prokot, Kristin Darragh und Anna von Mansberg für Musik mit Songs von Amy Winehouse, Joe Cocker, Udo Jürgens, Nirvana, Clueso…

Bei SomnamBar-Abenden muss und soll es nicht perfekt zugehen. Das Zufällige, Grenzüberschreitende gehört zum Programm. Spaß macht es meist allen, dieser Abend war zugleich ein Zeichen, dass es am Theater ein Miteinander gibt, quer durch die Sparten. Matthias Herrmann, Ulrich Kratz, MacKenzie Gallinger, Steffen Neutze und Volker Tancke waren dabei, Sprechtrainerin Carmen Rutzel, von der Musikschule Lothar Nierenz, an der Technik Thomas Schulz, und wenn wer übersehen sein sollte sorry!

Ein SomnamBar-Abend folgt noch, er wird schnell ausverkauft sein, am 4. Juni fängt die Nacht schon um 21 Uhr an.