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Anneke de Rudder vor dem Portrait, das Hugo Friedrich Hartmann von Marcus Heinemann malte. Foto: t&w
Anneke de Rudder vor dem Portrait, das Hugo Friedrich Hartmann von Marcus Heinemann malte. Foto: t&w

Zusammensetzen eines Puzzles: Anneke de Rudder betreibt Raubkunstforschung

oc Lüneburg. Sechs eng bedruckte Seiten gibt Anneke de Rudder mit auf den Weg. Gemarkert hat sie darauf dicht an dicht Namen, Lebensdaten, Orte. Die Spuren führen in die USA, nach Nicaragua, Mexiko, Israel, Kanada, in die Niederlande, nach Berlin und Marburg und einige endeten schrecklicherweise in Auschwitz. Ausgangspunkt aller Forschungen, die Anneke de Rudder im Museum anstellt, ist Lüneburg. Die Historikerin betreibt Provenienzforschung auf den Spuren der Familie von Marcus Heinemann (1819-1908). Es geht um Unrecht, das nicht gesühnt werden kann, aber um die Chance, Klarheit herzustellen. In Sachen Heinemann geht es um Besitz, der auf widerrechtliche Weise ins Museum kam.

Provenienzforschung betrifft Raubkunst aus der Zeit des Nationalsozialismus. Die Frage nach Herkunft und Eigentumsrecht an Bildern, Möbeln, Archivalien und vielem mehr, was Museen schmückt, rückt erst seit wenigen Jahren in den Fokus. Bei nahezu aller Kunst, die vor 1945 entstand und nach 1933 angekauft oder übernommen wurde, stellt sich die Frage nach der Rechtmäßigkeit. Seit 2008 gibt es in Berlin eine Arbeitsstelle für Provenienzforschung, ihr Etat wurde 2012 auf zwei Millionen Euro erhöht.

Marcus Heinemanns Urenkelin Helga Schuessler schickte aus Florida ein Foto, das zeigt, wie es im Haus in der Bäckerstraße in den Zwanziger Jahren ausgesehen hat, im Hintergrund vermutlich die Heinemann-Töchter  Martha (1862-1934) und Emilie (1868-1936). Foto: museum
Marcus Heinemanns Urenkelin Helga Schuessler schickte aus Florida ein Foto, das zeigt, wie es im Haus in der Bäckerstraße in den Zwanziger Jahren ausgesehen hat, im Hintergrund vermutlich die Heinemann-Töchter Martha (1862-1934) und Emilie (1868-1936). Foto: museum

Auslöser für das Museum Lüneburg, sich dem Thema zu stellen, war das Auftauchen einer Liste aus einer Versteigerung aus dem Jahr 1940. Damals wurden im Haus Große Bäckerstraße 23, in dem die jüdische Familie Heinemann gelebt hatte, Gegenstände „aus nichtarischem Nachlaß“ versteigert. Auf der Liste der Käufer, die ein Lüneburger im Hauptstaatsarchiv Hannover fand (LZ berichtete) finden sich neben bekannten Familien der Stadt (von Meding, von Spörcken, Rauno, Leppien etc.) auch Museumsdirektor Wilhelm Reinecke und mit einer ganzen Seite der Museumsverein. Ans Museum gingen historische Möbelstücke, Kunsthandwerkliches und Haushaltsgegenstände. Der Museumsverein sicherte sich die Gegenstände bereits im Vorfeld der Auktion, nach einer langen juristischen Aus­­ein­an­dersetzung mit Heinemanns Testamentsvollstrecker, dem Lüneburger Rechtsanwalt Dr. Curt von Mangoldt.

Marcus Heinemann war ein bedeutender Mann in Lüneburg. Der Bankier unterstützte unter anderem den Bau der Synagoge, er war Mitgründer des Museumsvereins und förderte das Haus, wie seine Familie überhaupt. Sein Schwiegersohn, der Bankier Moritz Jacobsohn (1845-1932), wurde Schatzmeister des Vereins. Als die Familie, kurz vor Marcus Heinemanns Tod 1908, in ihrem Haus eine Renaissance-Decke entdeckte, beschloss sie, diese für das Museum abnehmen zu lassen.

Drei von Marcus Heinemanns Söhnen (der Rechtsanwalt Robert aus Lüneburg, der Seidenfabrikant Oskar aus Chicago, der spätere New Yorker Schallplattenmillionär Otto aus Berlin) schenkten sie nach dem Tod des Vaters dem Museum, zusammen mit 6000 Mark für Um- und Einbau und „die Schaffung eines besonderen, dafür geeigneten Raumes“. 1913 wird dieser zweite Erweiterungsbau von Franz Krüger fertiggestellt, finanziert zu einem Drittel aus der Heinemann-Spende, die Decke ist von da ab im „Heinemann-Saal“ zu betrachten. In der NS-Zeit wurde dieser Name vom Museum fallengelassen.

„Und das führt uns direkt zu den Auseinandersetzungen von 1940“, sagt Anneke de Rudder. 1934 ändert Heinemanns Tochter Martha ihr Testament: Die Truhen-Schauseite soll nun entgegen ursprünglicher Planung „der Zeit entsprechend“ doch nicht dem Museum zufallen. 1937 behauptet Reinecke (der dieses Stück unbedingt haben will), die Verfügung sei später noch mal zugunsten des Museums geändert worden. Das lässt sich nicht belegen.

Im Museum entdeckte Dr. Ulfert Tschirner eine Akte zu Heinemann, sie dient Anneke de Rudder als Grundlage ihrer Aufarbeitung. Um große Kunst, große Werte geht es eher nicht. Vor allem aber sind die auf der Liste benannten Gegenstände überwiegend nicht auffindbar. Bekannt ist besagte Truhenseite, ebenfalls ein Fensterwappen. Aber Positionen wie acht Bauernstühle, ein Barometer oder „5 Krüge, heil“ da ist es nicht sicher, ob es die Dinge noch gibt.

Das Museum wurde zum Kriegsende von Bomben getroffen. Etliches wurde ins Alte Kaufhaus ausgelagert, das am 23. Dezember 1959 Opfer eines Brandstifters wurde. Große Hoffnung, Wesentliches aus der Liste zu finden, hat Anneke de Rudder nicht. Aus einer Münzsammlung aber hofft sie, noch Nachweisbares sicherstellen zu können.

Die Historikerin hat eine halbe Stelle, angelegt über zwei Jahre. Finanziert wird sie von der Arbeitsstelle für Provenienzforschung. Kontakt hält de Rudder zur Geschichtswerkstatt und zum VVN/BdA. Wie ein Puzzle setzt sich bei der Erbensuche das Bild einer Familie zusammen. Marcus Heinemann hatte 17 Kinder, bei seinem Tod 1908 lebten noch 13. Durch den Nationalsozialismus verstreute sich die Familie über die Welt, nicht alle entkamen dem mörderischen Treiben der Nazis. „Ich suche Kontakte und sage: Das ist Eures“, so bringt Anneke de Rudder ihre Arbeit auf den Punkt. Geholfen haben ihr auch lang zurückliegende Forschungen zur Familie Heinemann, die der frühere Johanneumslehrer Manfred Göske gemacht hatte.

Die Resonanz aus der Heinemann-Familie ist groß. „Die Erben wissen alle nichts davon, freuen sich aber sehr, dass wir uns um das Thema kümmern“, stellt die Forscherin fest. Eine aus der weit verzweigten Familie hat sich eingeklinkt: Dr. Becki Cohn-Vargas, die sich in Kalifornien als Pädagogin und Autorin für Toleranz und Aggressionsabbau an Schulen einsetzt. Sie organisiert mit dem Museum ein Familientreffen in Lüneburg. Bei dem soll es einen symbolischen Akt geben um die Akte zu schließen. Das ist so gedacht: „Das Museum gibt die 1940 weggenommenen Stücke an die Erben zurück (soweit sie auffindbar sind), und die Erben stellen diese Stücke dem Museum dann als Leihgabe zur Verfügung“, so de Rudder.

Die Arbeit für Anneke de Rudder wäre damit nicht abgeschlossen. Es gibt einiges mehr, dessen Weg ins Museum ungeklärt ist, auch aus der Zeit nach 1945. Und es gibt viele Aspekte der NS-Zeit, die noch aufzuarbeiten sind. Das reicht bis in die Landeszeitung, deren früherer, bis 1976 amtierender Feuilletonchef Eberhard Tilgner zum Beispiel 1941 in den Lüneburgschen Anzeigen die 1938 abgerissene Synagoge als „Judentempel unseligen Angedenkens“ bezeichnete.

Netzwerk Provenienzforschung

Das Land Niedersachsen unterstützt die rund 700 Museen im Land darin, die Herkunft (Provenienz) ihrer Kunstwerke und Kulturgüter im Hinblick auf NS-Raubkunst zu erforschen. Dazu hat das Land jetzt ein Netzwerk für Provenienzforschung eingerichtet. Die rund 30 Gründungsmitglieder des Netzwerks kamen gestern im Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur (MWK) zu einem ersten Austausch zusammen. „Wir ermutigen gerade auch mittlere und kleine Museen, Recherchen über die Herkunft ihrer Kunstwerke aufzunehmen“, sagte die Niedersächsische Kulturministerin Gabriele Heinen-Kljajic. Das Museum Lüneburg ist bei dem Thema vergleichsweise ganz weit vorn. lz