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Anja Struck zeigt viele Porträts von Menschen in nachdenklichen Situationen. Foto: ff
Anja Struck zeigt viele Porträts von Menschen in nachdenklichen Situationen. Foto: ff

Momente der Wahrheit

ff Lüneburg. Erinnerungen sind trügerisch vor allem, wenn sie sich auf einen kurzen Moment beziehen. Richter wissen das, wenn sie Zeugenaussagen zu gewichten haben, und Künstler sowieso. „Augenblicke“ nennt die Lüneburgerin Anja Struck ihre aktuelle Ausstellung, die sich um Schärfe und Unschärfe, Wahrheit und ihre Wahrnehmung dreht. Die breit angelegte Präsentation mit 69 zum Teil großformatigen Ölgemälden, die durchweg aus den letzten vier bis fünf Jahren stammen, ist ab morgen, Freitag, in der Avacon zu sehen.

Augenblicke, das lässt sich auch im Sinne von „Augen-Blicke“ verstehen, gemeint ist beides. Im Mittelpunkt stehen Porträts meist Bilder von Frauen, die den Betrachter fixieren, oder auch in ihrer eigenen Welt verhaftet sind, nachdenklich und zweifelnd wirken. Die Personen gibt es wirklich, doch sie erscheinen nun in einem ganz neuen Szenario. Da erscheinen auffällige Lichtreflexe in den Gesichtern, der Hintergund flimmert und schillert.

Ein zweites Motiv ist die Unschärfe, das lässt natürlich zunächst an Gerhard Richter denken; Anja Struck nennt sie „Bewegungsbilder“. Reisende mit Gepäckkarren in einer Schalterhalle, Passanten im Regen, dazu Hunde, Radfahrer und Jogger am Strand, ein Wattwanderer, der Schiffen am Horizont nachschaut, und meistens weht ein kräftiger Wind, der die Haare zerzaust und das Meer aufwühlt, Vögel durch die Lüfte treibt: Da geht es zunächst tatsächlich um die Bewegung an sich, um das Vorwärtskommen. Wichtiger aber sind wohl die Energie, die Dynamik, die sich dabei vermittelt, das Gespür von Wärme und Kälte, von Unruhe oder auch mal die Ruhe im Auge des Sturms.

Manche Motive tauchen mehrfach auf, die Konzeption ist oft ähnlich: Die Bilder, die eine Ufer-Situation beschreiben, haben Ultraquerformat, da lässt die Malerin ihren Protagonisten also ein wenig Zeit, quer durch das Bild zu laufen, bis der Augenblick vorbei ist. In den jüngsten Gemälden legt sich ein Schleier über die porträtierten Gesichter, die damit noch einmal weiter von dem ursprünglichen Moment des geschilderten Augenblicks wegrücken. Aber das ist ein Programm, mit dem Anja Struck gerade erst begonnen hat.

Die Malerin gewann 2013 den Kulturförderpreis des Landkreises Lüneburg und ist bundesweit in Galerien, auf Messen und in Ausstellungen präsent. Die Ausstellung an der Lindenstraße läuft bis 9. Juni.