Aktuell
Home | Kultur Lokal | Hindemiths „Neues vom Tage“ feiert Premiere im Theater Lüneburg + + + Mit LZplay-Video
Das gibt einen schicken Skandal: Laura (Franka Kran­eis) ist im Bad in falscher Begleitung erwischt worden. Foto: theater/tamme
Das gibt einen schicken Skandal: Laura (Franka Kran­eis) ist im Bad in falscher Begleitung erwischt worden. Foto: theater/tamme

Hindemiths „Neues vom Tage“ feiert Premiere im Theater Lüneburg + + + Mit LZplay-Video

Von H.-M. Koch
Lüneburg. Morgens um zehn ist die Welt nicht in Ordnung. Bei Laura und Eduard fliegen die Fetzen, die Tassen und die Teller. Ihr Streit mündet in eine feudig bejubelte Versöhnung: „Wir lassen uns scheiden“. Schon eilen sie zum Büro für Familienangelegenheiten und landen schließlich als Stars auf der Showbühne. Dazwischen begegnen ihnen der schöne Herr Herrmann, von Beruf Scheidungsgrund, eine zerdepperte, allerkostbarste Venus-Statue, eine Warmwasser-Affäre im Hotelbad, und nach zwei Stunden haben sie sich versöhnt. Aber dumm gelaufen! nun ist ihr Leben ein öffentliches geworden in Paul Hindemiths schräger und witziger Oper „Neues vom Tage“. Da tanzen und klingeln Augen und Ohren – jetzt im Theater Lüneburg.

Es ist das Jahr 1929, berühmt für Bankencrash, Saalschlachten zwischen NSDAP und KPD, Schnelldampfer, Zeppelin und den ersten Tonfilm. Thomas Mann erhält den Nobelpreis, Carl Benz stirbt, Harald Juhnke wird geboren. In der Technik, der Politik und der Moral strudelt alles durcheinander, und der Komponist Paul Hindemith bürstet das Chaos kräftig gegen den Strich. Marcellus Schiffer, ein Meister der Parodie und der Form, die heute Musical heißt, schreibt Hindemith eine Geschichte über die Oberflächlichkeit der Welt, mit Seitenhieben gegen die Bürokratie und gegen Medien, die dem nächsten Skandal entgegengeifern. Das klingt wie Bild und Mopo.

Hindemith schreibt dazu Musik, die alles gleichzeitig ist: großes Ohrenkino wie von den Richards Strauß und Wagner, Karikatur auf Opernschwulst, Großstadtjazz, Varieté. Sie klingt so hektisch, wie ein Provinzler einst Berlin-Alexanderplatz erlebt haben muss. Der gleichnamige Roman, das nebenbei, erschien auch 1929. Hindemith nutzt tradierte Muster und zeigt zugleich, dass Avantgarde und Intellektualität lustvoll sein können. Die Musik kommentiert und illustriert das Geschehen nicht unmittelbar, sondern auf einer Art Meta-Ebene. Das kann, muss man aber nicht so hören, um Vergnügen am Stück zu haben.

„Neues vom Tage“ ist eine Rarität auf dem Spielplan und gilt nicht gerade als Hit. Hajo Fouquet, Thomas Dorsch und Stefan Rieckhoff, also Regisseur, musikalischer Leiter und Ausstatter, haben nun eine Menge dafür getan, dass sich die Sicht auf dieses kleine, freche und zugleich anspruchsvolle Werk ändern könnte. So sperrig und autonom die Musik voranwirbelt, so dynamisch, grotesk und stimmig präsentiert sich die Produktion. Das Premierenpublikum zieht mit, amüsiert sich und applaudiert lange und deutlich begeistert. Dass es bei diesem dialogstarken Stück Obertitel gibt, hilft enorm: Wo wird in feinsten Opernkoloraturen schon ein Text veradelt wie: „Nicht genug zu loben sind die Vorzüge der Warmwasserversorgung“!?

Stefan Rieckhoff nimmt in Bühnenbild und Kostüm die Figuren des Stücks durchaus ernst. Er schafft eine denkbare Welt, die sich selbst zu sprengen versucht. Hajo Fouquet vermeidet dazu passend in seiner Inszenierung jeden Klamauk und eine Über-Akzentuierung aktueller Bezüge. Fouquet betont in dem, was 1929 „shocking“ gewesen sein mag, nun das Absurde, er sorgt für Tempo und für eine schon choreographische Geschmeidigkeit, die sich wohltuend mit der Musik reibt.

Einen tollen Job machen die Lüneburger Sinfoniker. Die Partitur gönnt ihnen keine Sekunde des Verschnaufens, sie sprudelt vor Einfällen und Klangfarben. Die Orchesterbesetzung ist gigantisch, Hindemith fordert unter anderem drei Klaviere und auch alles, was blasbar ist, mischt mit. Es ist eng im Graben. Thomas Dorsch produziert mit seinen Musikern einen glasklaren, bei aller Dynamik transparenten Sound. Sicher, diese Musik strapaziert als ständiger Unruheherd die Zuhörer, aber Dorsch forciert das Grelle nicht zu sehr, er achtet auf Sänger und Szene.

Spürbar ist, wie hart viele am Zustandekommen einer Produktion gearbeitet haben, die hohen Ansprüchen genügt bis hin zum Chor, den Deborah Coombe und Philipp Barczewski auf den Punkt getrimmt haben. Großartig ist Christian Oldenburg, er spielt einen schnell aufbrausenden und noch schneller seinen Vorteil witternden Eduard. Oldenburg singt hervorragend und zugleich mit perfekter Artikulation.

Neben ihm hat Franka Kran­eis als Laura dramatisch aufgeputzte Läufe zu bezwingen, die nicht immer ihrer Stimme entgegenkommen, aber Kran­eis gelingt alles mit Klasse und Charme. Als schöner Herr Herrmann darf Karl Schneider einen schmierigen, selbstverliebten schnauzbärtigen Berufsschwerenöter spielen und dazu eine Parodie aller Opernliebesschwüre singen. Das setzt er mit ansteckendem Vergnügen um.

MacKenzie Gallinger und Kristin Darragh geben ein starkes zweites Paar ab, das sich über Heirat/Scheidung/Wiederheirat freut. Skurril sind noch die kleinen Partien gestaltet. Der durchs Museum krückende Kunsterklärer (Wlodzimierz Wrobel) spult in geistigem Tiefschlaf seinen Text ab („Die Venus von Milo, beachten Sie die fehlenden Arme, 5 Sterne im Baedecker“). Als besagte Venus schafft es Jaqueline Heil, an die 20 Minuten unbewegt auf dem Podest zu stehen.

Es ist ein satter Spaß von knapp zwei Stunden, der da Augen, Ohren, Kopf und Bauch in Bewegung bringt. Das Theater zeigt mit diesem Abend Klasse und zugleich, dass es weit mehr kann, als sich auf Hits zu verlassen. Und wen „Neues vom Tage“ schreckt, der mag sich auf „Anatevka“ freuen.