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Ein Mann mit erstaunlichen Fähigkeiten: Galsan Tschinag aus dem Land der zornigen Winde. Foto: t&w
Ein Mann mit erstaunlichen Fähigkeiten: Galsan Tschinag aus dem Land der zornigen Winde. Foto: t&w

Galsan Tschinag, mongolischer Autor, Nomadenführer und Heilkundiger, im Palais am Werder

oc Lüneburg. Galsan Tschinag macht an diesem Abend im Palais am Werder einigen Wind, um den Nebel der Verehrung, der ihn umhüllt, zu zerreißen. Tschinag ist ein erstaunlicher Mensch. Er ist Häuptling der Tuwa-Nomaden, die am Rande der Mongolei leben. Er studierte Germanistik in Leipzig und schreibt Buch auf Buch. Und er ist Schamane, einer, dem heilende Kräfte nachgesagt werden. Tschinag ist ein kleiner Mann und Sympathieträger von gut 70 Jahren, ein miserabler Vortragender der eigenen Literatur und dann wieder ein cleverer, humorvoller und gelegentlich respektloser Erzähler zu Lasten der deutschen Hausfrau.

Auftritte von Galsan Tschinag lösen einen Ansturm des Interesses aus. Seine Lesungen und seine Seminare über schamanisches Heilen sind schnell ausgebucht. Die Lüneburger Veranstalter Elke Röhl mit Unterstützung von Bücher am Lambertiplatz hätten den Raum mehrfach füllen können, die Nachfrage ebbte nicht ab. Das Publikum ist zu gut 80 Prozent weiblich und mehrheitlich in einem Alter, in dem das Haar grau sein darf. Ob es nun wegen Tschinags Literatur kommt, die mehrfach ausgezeichnet wurde, wegen seines Einsatzes für ein lange verfolgtes Nomadenvolk oder wegen seiner schamanischen Rituale das bleibt Spekulation.

Schamanen, meint Tschinag an diesem Abend, gebe es eigentlich gar nicht. Über Schamanen wisse die deutsche Hausfrau besser Bescheid, „jede zweite deutsche Frau trommelt mittlerweile“, spottet er. Schamanen, so seine Sicht, seien Wesen mit besonderen Fähigkeiten, die es zu hohen Leistungen bringen wie Goethe, Beethoven, Mozart, Einstein, Hildegard von Bingen. Ein Schamane sei ein „Lebensmeister, ein schlauer Bursche, einer, der immer eine Antwort finden will“ eigentlich „ein unverschämter Scharlatan“, aber das sagt Tschinag mit einem Lächeln.

An diesem Abend singt Tschinag ein Loblied auf die deutsche Sprache, deren Schatz von 500000 Wörtern kaum einer heben könne. Goethes „Faust“-Wortschatz liege, so Tschinag, bei 20000 Wörtern, ein Professor in einer Vorlesung nutze 2000 bis 3000, eine Hausfrau 200. Was hat er nur gegen die deutsche Hausfrau?

Den überwiegenden Teil des Abends liest Tschinag aus „Der Mann, die Frau, das Schaf, das Kind“. Das ist ein typischer Roman für den Wanderer zwischen Welten. In seinen Büchern, die ihre Themen aus dem Umfeld der Tuwa schöpfen, trifft das Archaische auf das Gegenwärtige. Tschinag kleidet Handlung in eine adjektivverliebte Sprache, die sich mit Ruhe dem Beschreiben von Situationen, Menschen und kontrastreichen Szenerien widmet. Es entsteht dabei eine eigene Form von Poesie. Leider nur liest Tschinag seinen Text derart frei von Rhythmus und Empathie, als sei er ihm völlig fremd.

Drei Missionen habe er noch, sagt Tschinag, der Lüneburg zuletzt im Jahr 2000 besuchte. Er möchte der Welt 60 Bücher hinterlassen; 42 liegen vor, 35 auf Deutsch, sieben auf Mongolisch. Er will eine Million Bäume pflanzen, dabei hilft ihm seine Stiftung, mit der er sein Volk auf vielerlei Art unterstützt. Und er will Regen machen, seit April 2012 laufe seine Regenmaschine. Die Himmelsakupunktur zeigt offensichtlich Wirkung: „Kommen Sie vorbei: Die Steppe ist grün“. Tschinag, keine Frage, ist ein Mensch mit erstaunlichen Fähigkeiten.

One comment

  1. Lieber Herr Hans Martin Koch

    Kennen Sie den Unterschied zwischen „Buch auf Buch“ und „Buch um Buch“, also den zwischen einer direkten Aufeinanderfolge und einer kontinuierlichen Folge? Haben Sie schon einmal über den Unterschied der Adverbien „mehrfach“ und „mehrmals“ nachgedacht? Kann es, außer natürlich bei der Landeszeitung für die Lüneburger Heide, irgendwo im Universum einen Raum geben, den man mehrfach füllen kann?

    Drei Kommata haben Sie in Ihrem schönen Text vergessen. Dem Leiter einer Kulturredaktion in Lüneburg sollte es nicht schwerfallen, die Lücken zu finden und zu schließen.

    In der Hoffnung, diese Zeilen mit genügend Rhythmus und Empathie vorgetragen zu haben, um Ihren strengen Anforderungen an die musikalische Artikulationsbegabung eines ehemaligen Deutschlehrers an der staatlichen Universität Mongol Ulsyn Ich Surguul zu entsprechen,

    und mit freundlichen Grüßen

    Ihr „Schamane“ Irgit Schynykbai-oglu Dshurukuwaa alias Чинаагийн Галсан

    wilma.brueggemann@t-online.de