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Arno Surminski zeigt sich auch mit seinem neuen Buch als einfühlsamer Erzähler. Foto: t&w
Arno Surminski zeigt sich auch mit seinem neuen Buch als einfühlsamer Erzähler. Foto: t&w

Es geht um den Menschen: Arno Surminski im Heine-Haus

hjr Lüneburg. Erinnerungen. Sie gruben sich in sein Leben ein, bis heute. Ostpreußen ist seine Geburtsregion, ein Ort namens Jäglack. Nun bildet der Oblast Kaliningrad eine russische Exklave, der südliche Teil mit Masuren gehört zu Polen. Arno Surminski schreibt über diese Kindheit in einer faszinierend herben Landschaft, ohne Anklage, Geschichtsklitterung oder revanchistische Begehrlichkeit. Ein Zeitzeuge, sorgfältiger Dokumentator, der Historie eine Stimme verleiht.

Sein jüngstes Buch verlässt das geografische Umfeld, rückt ein besonderes Ereignis ins Zentrum. „Als der Krieg zu Ende ging“ lautet der Titel eines im Verlag Ellert & Richter erschienenen Erzählbandes, den der 80-jährige Autor auf Einladung von Literaturbüro und Ostpreußischem Landesmuseum im Heine-Haus vorstellte.

Der Buchtitel müsste eigentlich mit einem Fragezeichen ergänzt werden, denn der beendete Krieg befristet sich bei Surminski keineswegs auf das Jahr 1945. Für ihn selbst waren es die 90er-Jahre. Da erfuhr er offiziell vom Tod seiner Eltern in sowjetischer Gefangenschaft. Für zahllose Menschen dauerten die Wirren, Verwerfungen und Drangsal ähnlich lange, oft bis in die Nachwendezeit, als sich zerrissene Familienbande wieder verknüpften. Wie bei jener Frau, die von Ostpreußen in die Lüneburger Heide flüchtete, auf einem Hof in Mecklenburg ein Kind gebar und den Sohn der Bäuerin übergab. Erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs traute sie sich in jenes Schicksalsdorf zurück und fand den einstigen Säugling als gestandenen Landwirt und Vater wieder, ohne ihn über die wahre Herkunft in Kenntnis zu setzen.

Arno Surminski zeichnet keine Szenarien apokalyptisch verwüsteter Städte. Die Kriegsmaschinerie bildet lediglich eine schwach ausgeleuchtete Staffage, eine schemenhafte Kulisse. Das Buch schaut auf Einzelschicksale, verkleinert die monströse Tragödie zu kleinen Dramen: Episoden, die jenseits drückender Schuldfragen oder blinder Zerstörungswut berührende Momentaufnahmen schaffen. Folgerichtig tauchen hier nie die Drahtzieher des Bösen auf, sondern Durchschnittsbürger, die auf katastrophale äußere Umstände lediglich reagieren und eine persönliche Überlebensstrategie entwickeln müssen. Hinter blindem Hass, Trauer und Ohnmacht wird dergestalt eine gewisse Alltäglichkeit und manchmal gar ein winziges Schmunzeln sichtbar.

Hohe Authentizität prägt die Erzählungen. Surminski nutzte in der Tat auch orginale Aussagen oder Dokumente, erfand aber die Personen und Hintergründe. Ein Kniff, der Sinn macht, um Krieg und seine Folgen anschaulich zu illustrieren. Das geschieht mit klaren Worten und schielt nie auf eilige Effekte. „Als der Krieg zu Ende ging“ entwirft zugleich einen versöhnlichen Charakterzug, jenseits von trivialem Beigeschmack. Der Hamburger Autor versteht sich auf angemessene Sprache, die nicht ins Banale gleitet, sondern Schauplätze und Handlungen ohne Umschweife auslegt. Das Publikum hörte konzentriert zu und nutzte im Anschluss die Möglichkeit zu Fragen.