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Raum und Klang, alles sorgt für eine meditative Stimmung beim Konzert mit Musik von Arvo Pärt. Foto: t&w
Raum und Klang, alles sorgt für eine meditative Stimmung beim Konzert mit Musik von Arvo Pärt. Foto: t&w

Der Kammerchor St. Michaelis Lüneburg singt die Johannes-Passion von Arvo Pärt

oc Lüneburg. Es gibt Stoffe, die reizen Musiker immer neu. Die Johannespassion zählt dazu, es gibt eine Fülle von Vertonungen. Aber wer kennt Antonio Scandello, der 1561 seinen Beitrag lieferte? Oder Ludger Stühlmeyer, der seine Passion 2014 schrieb? Sogar Johanniskantor Georg Böhm könnte Verfasser einer Johannespassion sein, die lange Händel zugeschrieben wurde. Berühmt indes ist nur das Werk von Johann Sebastian Bach mit seinem Eingangs-Chor „Herr unser Herrscher“. Jetzt aber hat sich Michaeliskantor Henning Voss für einen zeitgenössischen Beitrag entschieden:

Bei Arvo Pärts Johannes-Passion aus dem Jahr 1982 liegen das Faszinierende und das Sperrige beieinander. Pärt, 1935 in Estland geboren, dockt an frühe Musik an, er pflegt die Kunst der Reduktion und lenkt den Blick ins Innere. Seine Passion klingt artifiziell und doch wie ein großes Gebet, als wäre alles Mönchen in einem Kloster abgelauscht. Ausgehend vom Gregorianischen Gesang entwickelt Pärt eine minimalistische Musik, die in ihrer Strenge sog­artige Kraft entwickelt, wenn der Hörer denn einen Zugang dazu findet und die Kondition aufbringt, dem über eine gute Stunde zu folgen.

Henning Voss arbeitet die asketische Grundstruktur wie die Details mit seinem sehr gut vorbereiteten Kammerchor, seinen vier Solisten und vier Instrumentalisten präzise heraus. Das beginnt mit der Aussprache und dem ruhigen Strom der Erzählung. Jede Silbe hat einen eigenen Ton, die Musik schwingt nicht aus, sie illustriert nicht, es entwickelt sich vordergründig ein monotoner Bericht.

Pärt fügt dem lateinischen Text nichts hinzu, keine betrachtenden Arien, keine kontemplativen Choräle. Das dramatischste Element der Musik, auch das macht Voss fast körperlich spürbar, ist die Pause. Außerdem bekommen die Jesus-Worte einen nachdrücklicheren Charakter, weil sie in langsamerem Tempo gesungen werden. Es sind kleine Dinge, die das Werk konturieren.

Den Evangelistenpart tragen die vier Solisten, dazu steuert Ekkehard Abele (Bass) die Jesusworte bei, Hans Jörg Mammel (Tenor) die des Pilatus. Mit Veronika Winter (Sopran), Anne Bierwirth (Alt) und mit dem Kammerchor verbinden sie sich zu ausgefeilten, mit Dissonanzen aufgerauten Klangmischungen. Die Instrumente laufen oft mit dem Gesungenen mit und setzen mit drei, vier Tupfern kleine Zäsuren. Jenny Holewik (Violine), Jutta Borowski (Oboe), Erika Sehlbach (Violoncello), Ulrich Augstein (Fagott) und Joachim Vogelsänger (Orgel) fügen sich nahtlos in den konzentrierten Vortrag ein.

Um das Meditative der Musik zu unterstreichen, ließ Henning Voss die Kirche hinter Chor und Instrumentalisten in tiefes Rot tauchen. Der architektonische, vor allem aber der akustische Raum sind ebenfalls Wirkungsträger dieser Musik.

Eröffnet wurde der Abend mit Vertonungen von „Magnificat“ und „Nunc Dimittis“. Die melodisch schwingenden Sätze von Orlando Gibbons und die von der Textauslegung geprägten des Heinrich Schütz gaben dem Kammerchor Gelegenheit, seine Qualität zu demonstrieren. Die kann er nun auf seinem England-Abstecher vorführen.