Mittwoch , 28. September 2016
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Spielfreude und Spontanität: Die Theatergruppe des Offenen Ateliers bei der Premiere. Weitere Termine:  31. März und 1. April, jeweils  20 Uhr. Foto: t&w
Spielfreude und Spontanität: Die Theatergruppe des Offenen Ateliers bei der Premiere. Weitere Termine: 31. März und 1. April, jeweils 20 Uhr. Foto: t&w

Premiere für „Nach der Sehnsucht sehen“ im T.NT

aat Lüneburg. Mehr als ein Jahr lang sprudelten die Ideen für die Komödie „Nach der Sehnsucht sehen“ der Theaterwerkstatt des Offenen Ateliers KuBiG e. V.. Denn die Arbeit an der Szenenfolge von elf Bildern steckte bis zur rundum gelungenen Premiere voller Überraschungen. Frauke Hahnemann, Stefan Schliephake und Jan Zickert, die das geistreiche, witzig-schnurrige und dennoch tiefgründige Stück erfanden, Regie führen und zu den Akteuren gehören, hatten die besonderen Talente und Möglichkeiten jedes einzelnen Darstellers berücksichtigt und auf jeden eine Rolle speziell zugeschnitten. Dabei blieb und bleibt viel Spielraum für Improvisation und vor allem für turbulente, komödiantische Nuancen, die das Publikum während der Premiere des Gastspiels im T.NT mit viel Freude genoss.

Sehnsucht ist das Unerreichbare, das vielleicht in Erfüllung Gehende. Stimmen aus dem Off beschreiben zu Beginn der Aufführung dieses Gefühl. Die Sehnsucht betrifft Anerkennung, Respekt, Familie, weiten Strand, das Fliegen und Bilder malen, den Duft der Dinge, die Liebe und die Ananaspizza, sie ist so widersprüchlich wie das Leben. Die Sprecher sind die Schauspieler des Abends, sie kommen nach und nach auf die Bühne, die mit einem beleuchteten Monitor, einem Vorhang, einigen Stühlen, einem Schminktisch und einem Blumeneimer bestückt ist (Licht und Ton: Anneke Michaelis). Man zieht sich um, quasselt, lacht, probt noch eine Szene.

Die junge Tänzerin Rosa (Lena Hackbart) und ihre ältere Kollegin Freda (Frauke Hahnemann) üben Sprünge, bewerten Kussgeräusche und träumen von großer Karriere. Regisseurin Sonja (Sarah Kresse) diskutiert mit Professor Fachmann (Philipp Wolf), der einen Vortrag zum Thema Sehnsucht halten soll. Die rasch gemalten Bäume von Paola Picassio (Bettina von Fintel) erklärt er für hohe Kunst. Ein Bodyguard (Sebastian Köster) lässt keinen Neuankömmling ohne Leibesvisitation durch, den Rapper Ozzi und den Sicherheitsdienstler Matze nicht (Marcel Winter und Oliver Stehmeier), auch nicht den Bühnentechniker (Jan Zickert) und nicht den Pizzaboten Luigi (Casper Böhm) und den TV-Reporter (Stefan Schliephake).

Der Inspizient (Christian Lemke) ist für absolute Sicherheit, sodass Vitali Klitschko alias Sebastian Köster schließlich, in eine Warnweste gezwängt und an einen Stuhl gefesselt, auf seine eigentliche Bühne geht und verzweifelt und sehr spaßig zu wippen versucht. Dies und was sonst noch hinter dem Vorhang geschieht, zeigen ergötzliche Farbfilme auf dem Monitor (Jan Hargus 2SPOT media).

Während der Bodyguard die Kamera hält, wird die Regisseurin Sonja vom Reporter interviewt. Die Gelegenheit, die Fragen zu stellen und zu beantworten, die sich auch für den Zuschauer ergeben könnten, wenn „behinderte“ und „normale“ Menschen zusammen ein Theaterstück machen. „Behinderte“ sei zu pauschal und überhaupt nicht angemessen, so das Team, und Sonja stellt klar, „normale“ Menschen finde man am Theater nirgends. Es gehe um das Stück, um Gefühle und künstlerischen Ausdruck. Damit ist auf die Herangehensweise des theatertherapeutischen Leiters dieses fünften inklusiven Theaterprojekts des Offenen Ateliers und seinem Team mit dem theaterpädagogischen Leiter Stefan Schliephake verwiesen. Der Handlungsspielraum insbesondere auch benachteiligter, behinderter und nichtbehinderter Menschen ist enorm groß bei diesem Stück. Und er wird von allen beschwingt genutzt. Gemeinsame Begeisterung und wahre Gefühle offenbaren sich unmittelbar. Von der ersten Minute dieser Premiere an war wohl jeder von dem absolut bühnenpräsenten, unverstellten, reflektierten und teils urkomischen Spiel aller Beteiligten gefesselt.