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Leonce und Lena (Ulrike Gronow und Gregor Müller, hinten) sind ein Paar geworden. Aber auch ihre Begleiter (Beate Weidenhammer, Fabian Kloiber) finden zueinander. Foto: tamme/theater
Leonce und Lena (Ulrike Gronow und Gregor Müller, hinten) sind ein Paar geworden. Aber auch ihre Begleiter (Beate Weidenhammer, Fabian Kloiber) finden zueinander. Foto: tamme/theater

Premiere für „Leonce und Lena“ im Lüneburger Theater

Lüneburg. Ihre Namen klingen wie aus der Augsburger Puppenkiste: Prinzessin Lena vom Reiche Pipi und Prinz Leonce vom Reiche Popo. Weil Pipi und Popo vereinigt werden sollen, müssen die Königskinder heiraten. Leonce und Lena, die einander nicht kennen, wollen sich aber beide nicht binden, weshalb sie mit jeweils einem Verbündeten fliehen. Irgendwo im Lande treffen sie aufeinander und verlieben sich ineinander, die Hochzeit kommt nun doch in Popo zustande, und auch ihre Begleiter finden zueinander. Eigentlich klingt der ganze Plot wie eine Märchenaufführung der Augsburger Puppenkiste, aber das Stück ist von Georg Büchner und taugt für echtes Erwachsenentheater.

Regisseur Stefan Behrendt, zuletzt in Lüneburg für „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ und „Die Physiker“ zuständig, inszenierte den Büchner mit Ulrike Gronow und Gregor Müller in den Titelrollen. Herausgekommen ist eine schnelle, schrille Groteske, die den Satiregehalt des Lustspiels bis zum letzten Tropfen ausschöpft. Der Legende nach hatte Büchner (1813-1837) das Stück für einen Wettbewerb geschrieben, aber den Einsendeschluss vertrödelt. Uraufgeführt wurde es seltsamerweise erst 60 Jahre später, und siehe da: Es war weiterhin – na ja, zumindest in Teilen – aktuell. Das Stück bleibt präsent, noch heute übrigens wird in Darmstadt der mit 8000 Euro dotierte Leonce-und-Lena-Preis an Lyriker vergeben.

Büchner hatte sich gegen die Kleinstaaterei Deutschlands gewandt, in dem jeder Provinzfürst gern König spielte, mit Zollschranken und eigener Währung. „Ein Land wie ineinandergestellte Schachteln“, stöhnt Leonce. Auch sein Vater Peter von Popo (Matthias Herrmann), ist so ein gekrönter Gernegroß: ein mit Lockenperücke getarnter Hohlkopf, der meist in Unterhosen herumläuft, längst jeden Bezug zum Leben da draußen verloren hat und – nach dem Motto „Ich schwätze, also bin ich“ – seine Egozentrik auslebt, sich dabei, das ist schließlich sein Job, irgendwie immer mal wieder staatstragende Gedanken macht. Generell wird hier eine von tödlicher Langeweile geprägte, von Lakaien umgebene Oberschicht vorgestellt, die mit ihrer eigenen Nutzlosigkeit („Wir liegen hier herum wie Spielkarten!“) kokettiert und sich, ganz im Geiste der Romantik, dem schönen Schmerz ergibt.

Die Kleinstaaterei hatte sich mit der Reichsgründung 1871 bereits bei der Uraufführung erledigt, egal. Stefan Behrendt spiegelt Facetten der modernen Freizeitgesellschaft: Leuchtschrift à la Las Vegas auf der Bühne, die selbst wie ein Laufsteg zugeschnitten ist, dazu Discokugeln. Ein mobiler Studio-Scheinwerfer steht allen Akteuren zur Verfügung, um sich, im wahrsten Sinne des Wortes, ins rechte Licht zu setzen. Leonce hat Vorstellungen von seiner Traumfrau: schön soll sie sein, aber doof, um die Sache nicht unnötig kompliziert zu machen. Da kommt das Blondinchen Lena gerade recht, das sich immerhin eigene Gedanken gemacht hat: „Warum schlägt man einen Nagel durch zwei Hände, die sich nicht suchten?“ Super Kalenderspruch.

In dieser Welt also wird gelabert und gelitten, schwadroniert, lamentiert, und man braucht als Zuschauer schon eine Weile, um sich da einzugrooven. Die Akteure wachsen einem dennoch recht schnell ans Herz, man möchte sie beschützen vor der bösen Welt, und das ist auch das Verdienst der Akteure von Pipi und Popo, die konditionsstark immer knallhart nach vorn spielen; das sind, außer den bereits Genannten: Fabian Kloiber, Beate Weidenhammer, Martin Andreas Greif und Alisa Levin. Die Statisterie nicht zu vergessen, im Einsatz sind Mico Brenke, Bernd Geffert, Uwe Hildebrandt, Jan Mücke und Olaf Reimers.

Und so werden Leonce und Lena mit diesem Bühnenpunk für Gesprächsstoff sorgen, in der Sekt-Pause und überhaupt. Dafür ist Theater ja schließlich da. Frank Füllgrabe