Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Thomas Dorsch dirigiert das Staatsorchester Braunschweig,  Bassbariton Christian von Oldenburg singt Mussorgskys Lieder des Todes. Foto: t&w
Thomas Dorsch dirigiert das Staatsorchester Braunschweig, Bassbariton Christian von Oldenburg singt Mussorgskys Lieder des Todes. Foto: t&w

Meisterkonzert über die Orchestrierung von Klavierwerken

aat Lüneburg. Im vierten Meisterkonzert mit dem Staatsorchester Braunschweig unter der Leitung des Lüneburger Musikdirektors Thomas Dorsch öffnete sich ein weites musikalisches Spannungsfeld: Die Orchestrierung von Klavierwerken bestimmte das Programm, Original und Bearbeitung, Komponisten und Arrangeure aus den musikalisch grundverschiedenen Regionen Frankreich und Russland. Unterschiedliche Epochen trafen aufeinander, barocke Tänze und Programmmusik, Lieder und Instrumentalstücke, Bekanntes und Rares.

In großer Besetzung füllten die Braunschweiger die gesamte Bühne des gut besuchten Theaters. Zum Konzertauftakt gab es „Le tombeau du Couperin“ von Maurice Ravel, ursprünglich für Klavier komponiert zu Ehren des französischen Hof-Clavecinisten Couperin und der gesamten französischen Musik des 18. Jahrhunderts. 1919, nach Kriegsende, orchestrierte Ravel vier dieser ursprünglich bedächtigen „Trauerstücke“ phantasievoll und klangüppig. Unter Dorschs Stabführung schuf das Staatsorchester eine bezaubernde und brillant strahlende Klangwelt.

Modest Mussorgsky beendete1877 seine Lieder um die Begegnung mit dem Tod, „Lieder und Tänze des Todes“, 1962 von Dmitri Schostakowitsch instrumentiert. Um zu verdeutlichen, wie intensiv der Klang der russischen Sprache das Bildhafte der Gesänge zum Ausdruck bringt, ließ Thomas Dorsch den Bassbariton Christian von Oldenburg das erste Lied zunächst in der deutschen Übersetzung intonieren. Auf Russisch sang von Oldenburg dann den gesamten Zyklus, „Wiegenlied“ einer Mutter am Bett ihres sterbenden Kindes, „Ständchen“, „Trepok“ und „Der Feldherr“, sensibel unterstützt vom Braunschweiger Staatsorchester. Von Oldenburgs sonore und klare, fein vibrierende Stimme trägt die Spannkraft und scharfsichtige Dramatik dieser Musik mit faszinierender Würde.

Modest Mussorgsky erinnerte 1874 mit dem Klavierwerk „Bilder einer Ausstellung“ an den verstorbenen Freund und Künstler Viktor Hartmann. Verbunden durch fünf Intermezzi, „Promenaden“, stellt der Zyklus aus zehn Miniaturen einen imaginären Ausstellungsbesuch nach. Die Titel der Klavierstücke entsprechen nur zu einem geringen Teil originalen Bildtiteln, Mussorgsky setzte Bildinhalte auf einer höheren Ebene musikalisch um. Ähnliches tat 1922 noch einmal Ravel, der in seinem Orchesterarrangement des Zyklus wie kein anderer das Atmosphärische, Gedankenverbindende, die berühmte russische Seele fokussierte, mit schwelgerischem Licht- und Schattenspiel, betörenden Farbnuancen und rhythmischen Raffinessen. Die Braunschweiger ließen den Wanderer in heiterer und gelassener und melancholischer Stimmung durch die Galerie gehen, den Gnom schaurig humpeln, den Ochsenkarren rumpeln, die Kinder im Park herumtollen, das „Ballett der Küchlein in ihren Eierschalen“ zappeln und ziepen. Die Spritzigkeit und Leichtigkeit der Interpretationen und deren bildhafte Plastizität erwuchs aus rhythmischem Raffinement, dynamischem Elan und facettenreichen Klangschattierungen, die Thomas Dorsch dem breit gefächerten Klangapparat zu entlocken wusste. Das finale „Große Tor von Kiew“ bekam Pomp, auch Pathos, doch mit delikat dosierter, elegant bewegter Klangdichte serviert. Dorsch ließ dem Publikum den Freiraum, den es braucht, um die anrührend realisierte Programmmusik nachhaltig auf sich wirken zu lassen. Der Beifall, Fußgetrappel und Bravos sprachen für sich.