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Die tragende Partie des mitfühlenden Berichterstatters füllte Tenor Michael Smallwood aus. Foto: t&w
Die tragende Partie des mitfühlenden Berichterstatters füllte Tenor Michael Smallwood aus. Foto: t&w

St. Johannis Lüneburg: Ostern beginnt mit Stille

oc Lüneburg. Ostern besteht aus Schokolade und beginnt im Januar. Die AldiLidls bestimmen den Lauf des Jahres. Das ist zartbitter. Ostern kann auch Stress- und Stauzeit auf dem Weg zu Skipiste oder Lammkeule bei Pflichtbesuchen bedeuten und am Osterfeuer geräucherte Jacken und Hosen. Wer aber den Sinn des Festes erfahren will, erlebt ihn in der Kirche. Im Gottesdienst und in der Musik. In Lüneburg folgte sie in diesem Jahr zweimal den Worten des Evangelisten Johannes, erst mit meditativer Musik Arvo Pärts in St. Michaelis, nun mit den dramatischen Klängen Bachs in St. Johannis.

Keiner hat Passion und Osterbotschaft so intensiv in Wort und Klang gepackt wie Bach. Verblüffend, dass die beiden erhaltenen großen Bach-Passionen nach bald 300 Jahren noch so fesseln, trotz blühender, in anderem Kontext heute kaum erträglicher Metaphorik. Aber bei Bach kann der von brutaler Geißelung „blutgefärbte Rücken“ im gleichen Atemzug zum „allerschönsten Regenbogen“ umgedeutet werden. Überall in der Johannespassion wird so die Erniedrigung Jesu zum Sieg des Gottessohns, der in der „größten Niedrigkeit verherrlicht“ wird.

Die großen Bach-Werke sind für viele Chorsänger ein Grund, Mitglied der Qualitäts-Kantoreien zu werden. Aber Johanniskantor Joachim Vogelsänger entschied sich, die Passion mit seinem rund 40 Stimmen starken Motettenchor aufzuführen. Das ist inhaltlich richtig, so kommt es zu einer weitaus besseren Klangbalance mit den nun mal leiseren Ba­rock­instrumenten von Concerto Brandenburg. Der Beitrag von Violine bis Kontrafagott ist ja nicht nur Wegweiser, Begleiter und Illustrator des Textes, sondern eine Art Dolmetscherei. Wort und Klang stehen in engem Dialog, und das bringt Joachim Vogelsängers Einstudierung deutlich zum Ausdruck.

Der Chor hat spürbar intensiv an einer schlüssigen und innerlich bewegenden Interpretation gearbeitet. Die lyrisch eingefärbten Eckstücke bekommen Macht und Tiefe, von den Choralstrophen strömt Herzenswärme aus. Besonders aber sind es die in langen Proben ungemein differenziert ausgefeilten Volkschöre, die deutlich machen, dass hier ein Drama ungeheurer Wucht erzählt und empfunden wird.

Zu dieser emotionalen Bandbreite passt eine Evangelistenpartie, die Michael Smallwood fast szenisch ausdeutet bewegt und mit großer Klarheit. So setzt er seine Stimme auch in den Arien ein. Thilo Dahlmanns nachdrücklicher Bass lässt die Zweifel und das Kalkül des Pilatus deutlich werden, Felix Rathgeber findet für die Jesusworte den angemessenen, Ruhe und innere Stärke ausstrahlenden Klang. Mit hellem, leuchtenden Sopran bringt sich Sabine Goetz ein, und die zunächst etwas unsortiert wirkende Altistin Schirin Partowi setzt mit ihrer zweiten Arie „Es ist vollbracht“ das emotionale Herzstück, mit warmem Timbre, zu Herze gehend.

Stille statt Beifall am Ende, so kann Musik nachhallen.