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Thomas Hettche, zuletzt bei der LiteraTour Nord 2006/07 in Lüneburg zu Gast, stellte jetzt seinen Roman Pfaueninsel im Heine-Haus vor. Foto: t&w
Thomas Hettche, zuletzt bei der LiteraTour Nord 2006/07 in Lüneburg zu Gast, stellte jetzt seinen Roman Pfaueninsel im Heine-Haus vor. Foto: t&w

Marie, das Monster: Thomas Hettche liest im Lüneburger Heine-Haus

oc Lüneburg. Die Pfaueninsel, keine zwei Kilometer lang, einen breit. Allein der Name, in ihm schwingt etwas von Märchen mit. Das Flora-Fauna-Habitat, nah bei Potsdam, mutierte einst von der Kaninchenzucht zur Zuflucht der Preußenkönige. Sie bauten sich dort ein Schloss, ein Liebesnest, später strickten Größen wie Schinkel und Lenné das Eiland um zu einem Park mit Exoten aller Art. Was die Wunderkammer im Barock, das waren nun lebend Löwe, Bär, Zebu, Kängurus, Affen, blaue Hortensien, Palmen und dazu Marie, eine Zwergin, ein Schlossfräulein, ein Monster. Ihre Geschichte erzählt Thomas Hettche in seinem Roman „Pfaueninsel“, und er erzählt noch viel mehr.

Lange habe er diesen Stoff mit sich getragen, sagt Hettche im Gespräch mit Andreas Platthaus bei seiner Lesung im Heine-Haus. In der zwergenwüchsigen Maria Dorothea Strakon fand er die Figur, deren Leben und unglückliches Lieben auf der Pfaueninsel große Geschichte spiegelt. Hettche führt durch rund 80 Jahre, fast das gesamte 19. Jahrhundert scheint auf. Der Wandel des Zeitgeistes, der Niedergang eines märchenhaft herrschenden Königshauses, die Industrialisierung, all das findet auf der Pfaueninsel und im Leben Maries seinen Niederschlag.

Marie und ihr ebenfalls zwergwüchsiger Bruder Christian kommen als Kind auf die Insel, der König selbst schickt die Kriegswaisen dorthin. Sie finden somit eine Art Heimat, haben aber den Herrschern zur Verfügung zu stehen und gelten eben selbst als Exoten. „Monster“, entfährt es der Königin Luise, erschocken über die erwachsene Stimme, die aus dem kindlichen Körper Maries kommt. „Monster“, das Wort verfolgt Marie durchs ganze Leben, das ihr Hettche auf Leib und Seele schreibt. Die Perspektive des Erzählers bleibt immer ganz nah bei dem Schlossfräulein. Nur einmal führt Hettche seine Marie von der Insel, da lernt sie, dass sie aus einer untergegangenen Zeit stammt.

Hettche macht deutlich, dass der Roman zugleich nur eine Rückblende sein kann, schon im Beginn, wenn er über den Wandel des Verständnisses von Begriffen reflektiert. „Eine Königin? Was ist das? Eine Märchengestalt, denken wir…“ Und so, wie die Begriffe sich wandeln, versinkt die Zeit, geht über in etwas Neues. Auch davon handelt dieser Roman. Hettche hat, das macht er im Gespräch zur Lesung deutlich, die Worte und Sätze dem äußeren Wandel angepasst. Manchmal lässt er, soviel Freiheit muss sein, aus der Zeit gefallene Begrifflichkeiten in den Text fallen. Der behält dennoch einen bezwingenden Rhythmus.

Aus der Fülle des Materials und der Ideen einen Extrakt zu schaffen, das sei eine Kernaufgabe beim Konzipieren von Romanen, sagt Hettche, der spätestens seit dem „Fall Arbogast“ (2001) zur Autorenprominenz im Lande zählt. „Pfaueninsel“ stand in der Endauswahl für den Deutschen Buchpreis, der dann an Konrad Seilers „Kruso“ ging. Andreas Platthaus, stellvertretender FAZ-Feuilletonchef, hätte den Preis an Hettche gegeben. Der 50-jährige Autor muss sich mit dem Wilhelm Raabe-Literaturpreis, dem Bayerischen Buchpreis und dem Solothurner Literaturpreis begnügen.

Thomas Hettche las in der Literaturbüro-Reihe „Ausgewählt“. Sie wird am Montag, 27. April, im Heinrich-Heine-Haus um 19.30 Uhr vom Kafka-Biographen Reiner Stach fortgesetzt. Er stellt den Band „Kafka: Die frühen Jahre“ vor. Es moderiert die Literaturkritikerin und Publizistin Sigrid Löffler.

Mehr Hettche gibt es am 9. Mai beim Kunstfleck Dahlenburg: Dort liest zur Ausstellung „Gen Süden“ um 19.30 Uhr Dominik Stein Venedig-Essays Hettches aus „Animationen“.