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Die Solistinnen: Kristin Darragh (li.) und Antonia Radneva beim Einsatz. Foto: t&w
Die Solistinnen: Kristin Darragh (li.) und Antonia Radneva beim Einsatz. Foto: t&w

Meisterkonzert: Es geht an die Grenze

hjr Lüneburg. Jäh stürzt die Musik ab, versinkt in Tiefen, die sich bedrohlich aufreißen. Es könnte der Blick in ein Grab sein. Dann türmt sich der Klang wieder auf, als gelte es, dem Schicksal zu entrinnen. Es donnert, blitzt, ballt sich: Fortissimo spitzt sich der Klang zu, bevor sich aus dem tosenden Maestoso ein Anflug von Harmonie herausbildet. Gustav Mahler (1860-1911) fordert die Mitwirkenden und Zuhörer gleichermaßen. Seine ausladende „Auferstehungssymphonie“ in c-Moll spannt den Bogen bis an die Grenze der Erträglichkeit und fällt doch nie in plakative Effekte. In der gut besuchten Johanniskirche gelang dem Doppelorchester aus Lüneburger Symphonikern und Hildesheimer TfN-Philharmonie, den Theaterchören beider Städte sowie den Solistinnen Antonia Radneva und Kristin Darragh unter Leitung von Thomas Dorsch eine fulminante Wiedergabe.

Das Werk dreht die Perspektive in fünf Sätzen von besinnungsloser Trauer bis zur Ahnung einer möglichen Erlösung. Weltschmerz-Musik nannten einige die Komposition. Es ist aber das unzureichende Etikett für die Mahler-Symphonie, weil zu kurz gedacht. Sie bewegt sich zwar bevorzugt an der Kante drückender Finsternis, doch lichtet sich das Dunkel mit Bedacht, schon im zweiten Satz deutlich. Einen ganzen Seelenkosmos hat der Künstler geschaffen, tief anrührend und jenseits oberflächlicher Klangmalerei. Mahler variiert Veränderungen in Tempi und Dynamik schlicht grandios.

Schon im vergangenen Jahr bewiesen die für ein Programm fusionierten Orchester aus Lüneburg und Hildesheim die Synergie dieser Kooperation: So viel Wucht schaffen sie nicht im Alleingang. Thomas Dorsch führte beide Orchester und im letzten Satz die zwei Chöre souverän zusammen, dirigierte straff, lotete die Kontraste hervorragend aus, akzentuierte gerade die zurückhaltenden Momente und vermied in den lautstark pulsierenden Phasen hohles Pathos. Das funktionierte vorzüglich. Der Klang blieb immer erfreulich transparent, trotzdem satt und von überflüssiger Ornamentik befreit.

Leonard Bernstein sah in Mahlers genialem Opus einen Kassandraruf, der das Unheil des 20. Jahrhunderts antizipierte. Mag sein. Auch in der Verkleinerung auf Einzelschicksale bleibt die Partitur ergreifend, mit einer emotionalen Dichte, die nur ganz wenige Werke aufweisen, besonders durch das schroffe Nebeneinander von gnadenloser Verzweiflung und keimender Hoffnung. Im vierten Satz sang Kristin Darragh berückend „O Röschen rot“ aus „Des Knaben Wunderhorn“, im Finalsatz gestaltete sie mit der ebenfalls hervorragend disponierten Sopranistin Antonia Radneva Verse aus Klopstocks Gedicht „Auferstehn“. Strahlkraft entfaltete sich, verstärkt durch den Lüneburg-Hildesheimer Doppelchor. Ein Schluss, der das Publikum nach einer wahren Apotheose in die Stille des Nachsinnens entlässt. Eine geschlossene, großartige Leistung gab es in diesem Meisterkonzert zu bestaunen. Langer, heftiger Beifall. Die Allianz der beiden Theater sollte unbedingt eine Fortsetzung erleben.