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Neben Tamme Hanken wirkt jeder Mensch klein  auch Zuschauerin Rebecca, die bei der Show assistierte. Foto: t&w
Neben Tamme Hanken wirkt jeder Mensch klein auch Zuschauerin Rebecca, die bei der Show assistierte. Foto: t&w

Probleme beim Natursprung

ff Lüneburg. Der bräsige Ostfriese Tamme Hanken erklärt im Vamos, wie man mit alten Hausrezepturen sein Pferd kuriert und teure Medikamente spart. Die quirlige Münsteranerin Lisa Feller erzählt gleichzeitig in der Ritterakademie, wie sie als alleinerziehende Mutter von zwei kleinen Jungs wieder versucht, in die Wahrnehmung der Männer zurückzukehren. Ein Abend, zwei Positionen der Comedy, die kaum unterschiedlicher sein können. Wohin gehen? Am besten zu beiden; zuerst zum Ostfriesen.

Tamme Hanken, Jahrgang 1960, ist als „XXL-Ostfriese“ (2,06 Meter) unterwegs, sein Beruf ist der eines Knochenbrechers. Hinter diesem martialischen Begriff (plattdeutsch: Knakenbreker) verbirgt sich ein alternativer Heilkundler, der Mensch und Tier mit traditionellen, überlieferten Heilmethoden behandelt. Hanken also behandelt Pferde aber was ist daran so unterhaltsam, dass es für die Bühne taugt?

Ein altmodischer Geschirrschrank, ein Herd, Tisch und Stuhl, Hankens Kulisse ist als behagliche Friesenküche inszeniert, hier könnte auch ein Bauernschwank spielen. Aber Hanken redet über Medizin. Was tun, wenn ein Fohlen hustet? Erstmal Wasser erhitzen, Kandis darin auflösen, dazu Zwiebeln. Dafür braucht er jemanden, der sie kleinschnibbelt. Jetzt kommt der Teil, der als grenzwertig gelten darf.

Einen echten Gaul gibt es natürlich nicht, dafür holt sich Hanken nun ein „Schätzelein“ aus dem Publikum auf die Bühne als Show-Partnerin und Pferdedarstellerin. Das ist heute Abend, mehr oder weniger freiwillig, Rebecca, Studentin der Wirtschaftspädagogik, Pferde-Freundin natürlich. Sie schlägt sich achtbar. Was für ein Pferd sie denn sein wolle, fragt Hanken, „ich wäre lieber die Reiterin“, ist ihre Antwort. Trotzdem bekommt sie nun so die eine oder andere Medizin verabreicht, nimmt es mit Humor. Kräuterschnaps gegen Koliken, der XXL-Ostfriese gibt den gemütlichen Macho, empfiehlt, nach dem „Natursprung“ (so heißt der normale Geschlechtsakt bei Pferden) einen Brennesselklumpen hinterherzuschieben, um die Zeugung zu sichern.
Und so nimmt dieser seltsame Abend seinen Verlauf, der wohl tatsächlich nur für Pferdebesitzer relevant ist. Es ist Zeit für Lisa Feller, für den Wechsel in die Ritterakademie.

Hier läuft tagsüber der NS-Prozess gegen den ehemaligen SS-Unterscharführer Oskar Gröning, angeklagt der Beihilfe zum Mord in 300000 Fällen. Aber außer den Dolmetscher-Glaskabinen auf der Galerie erinnert heute Abend nichts daran trotzdem eine leicht bizarre Vorstellung, doch der (seit langem vereinbarte) Comedy-Auftritt war, so die Veranstalterin, einfach nicht mehr an einen anderen Ort zu verlegen.

Lisa Feller schnattert, sabbelt und kichert, sie hat zu diesem Zeitpunkt das Publikum, junge Frauen vor allem, längst für sich gewonnen. „Guter Sex ist teuer“ lautet das Thema des Abends. Da ist vor allem die Frage „Mit wem?“, wenn sich alle potenzielle Kandidaten als Dumpfbacken („Also, Deinen VW Passat könnste mir schenken!“) oder als nun ja halbattraktiv erweisen? Ein typischer Lisa-Feller-Witz geht so: „Herr Wachtmeister, da prügeln sich zwei Männer um mich.“ „Wo ist das Problem?“ „Ich habe Angst, dass der Dicke gewinnt.“

Aber es geht ja nicht nur um Das Eine. Wie findet frau nach den Geburten wieder zur alten Form zurück? Lisa war bei den Weight Watchers (auch Wale Watcher genannt), „da wollte ich sogar noch bei der Zahnpasta die Punkte zählen“. Wie lassen sich die Kinder gegen die neue Freundin des Exmannes in Stellung bringen? „Jungs, ich finde, sie sieht aus wie Özil“. Lisa Feller ist mitreißend, manchmal ordinär, fast immer witzig, die Zuschauer/innen sind begeistert. Wie erklärt man/frau kleinen Jungs den Vorgang, mit dessen Hilfe die Babies in Mamas Bauch gelangen? Nicht so wie ein Gynäkologe, bei dem lateinische Körperteile „eingeführt“ werden, auch nicht in Niedlich-Sprech (mit „Schniedelwutz“ und so) ach, soll doch die Lehrerin diesen Job machen. Letzte Warnung: In Hollywood wird nicht mehr geliftet und aufgespritzt, sondern getapet, also absackendes Gewebe mit durchsichtigen, unauffälligen Klebestreifen in Form gehoben. Eine Lösung ist das nicht, Feller hat es ausprobiert, aber wohl etwas übertrieben als knisternde, weitgehend unbewegliche Mumie fiel sie an diesem Abend für den Natursprung aus.