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Tex Rubinowitz, hier bei der Verleihung des Ingeborg-Bachmann-Preises 2014, erinnert sich an Irma  und an seine Lüneburger Zeiten. Foto: nh
Tex Rubinowitz, hier bei der Verleihung des Ingeborg-Bachmann-Preises 2014, erinnert sich an Irma und an seine Lüneburger Zeiten. Foto: nh

Autor Tex Rubinowitz: Wie man in Lüneburg überlebt

ff Lüneburg. Sollte eines Tages jemand von der Stadt Lüneburg auf die Idee kommen, den Autor Tex Rubinowitz als großen Sohn ihrer Stadt zu würdigen, dann sollte die entsprechende Messingtafel an das Haus Rackerstraße 4c geschraubt werden. Der Autor, der eigentlich Dirk Wesenberg heißt, hat einen über weite Strecken autobiographischen Roman geschrieben: „Irma“ ist die Erinnerung an eine kurze, etwas rätselhafte Affäre, die Erinnerung an eine Jugend in Lüneburg, zwischen Schulabbruch, Gelegenheitsjobs, WG-Leben und der Disco Voodoo. Mit einem Ausschnitt aus dem Text gewann Tex Rubinowitz im vergangenen Jahr den Ingeborg-Bachmann-Hauptpreis.

Tex Rubinowitz, Jahrgang 1961, ist vieles, zum Beispiel Zeichner, Maler, Cartoonist, Musiker, Label-Betreiber, Reisejournalist und Schriftsteller, manches entstand im Duo mit Matthias Ernst, also Max Goldt. „Irma“ schildert ein schlingerndes Leben in der Spontaneität. Rubinowitz jobbt als Teenager mal bei Lünebest, mal bei der Bezirksregierung. Vor dem Militärdienst will er flüchten, indem er Bürger der DDR wird. Das erweist sich noch rechtzeitig als sehr schlechte Idee, weshalb der junge Mann dann doch nach einem durchschauten Versuch, bei der Musterung als abgewrackter Junkie aufzutreten zum Bund geht und als Bremsschirmpacker bei einem Marinefliegergeschwader recht zufrieden lebt.

Es sind so verschiedene Frauen, die Tex Rubinowitz, der seit 1984 in Wien lebt, immer wieder irritieren. Er hat flüchtige Beziehungen, kann sich aber nicht so recht an das Wie und Warum erinnern. Am Anfang steht eine Freundschaftsanfrage per Facebook. Sie kommt eben von Irma, die hat der Erzähler zuletzt vor 30 Jahren gesehen, als er mit ihr in Wien ein paar Monate zusammenlebte. Alles begann und endete mit einem Zettelchen auf dem Küchentisch. Kommunikation ist so eine Sache, und zwischen Ehrlichkeit und Bindungsunfähigkeit nur ein schmaler Grat.

Als Autor trat Tex Rubinowitz, so schildert er es jedenfalls, auch in Lüneburg in Erscheinung, „bei der Lokalzeitung“, also wohl bei der LZ zunächst als Verfasser von Leserbriefen unter wechselnden Identitäten zu leicht skurrilen Themen: „Tatsächlich wurde alles veröffentlicht, offenbar mussten sie die Zeitung vollbekommen, egal, womit.“ Bald schrieb er auch für den Lokalteil: „Einmal wurde beispielsweise eines Nachts ein kleines Schiff geklaut, eine Art Barkasse, die vertäut im Ilmenau-Hafen hing.“ Zwanzig Kilometer weiter wurde das Schiff von den Dieben auf eine Sandbank gesetzt. Der Dieb war Tex selbst, zusammen mit einem Kumpel, und so hatte er gleich Stoff für einen Artikel: „Es ist immer gut, wenn man mit der Materie vertraut ist, über die man schreibt.“

Da hat er unbestritten recht. Aber stimmt das auch alles? Wohl nicht, und auch die Barkassen-Story ist nicht im LZ-Archiv zu finden, naja egal. Das letzte Kapitel des Schelmenromans ist seinem Dialog mit dem Lektor über Wahrhaftigkeit gewidmet: „Das bin nicht ich, der da spricht, es ist immer nur ein Echo, das ich produziere, nicht das Muttergeräusch, sondern was zurückkommt, ich schreibe auf Wirkung.“ Das Buch ist, das passt dazu, mit Bildern von Max Müller (den es wirklich gibt) illustriert Zeichnungen, die nach alten Fotos entstanden (Rowohlt, 2015, 240 Seiten, 18,95 Euro). Eine Rackerstraße 4c gibt es, zumindest heute, nicht. Schade eigentlich.