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Literaturkritikerin Sigrid Löffler und Kafka-Biograph Reiner Stach in der Literatur-Reihe Ausgewählt im Heinrich-Heine-Haus. Foto: t&w
Literaturkritikerin Sigrid Löffler und Kafka-Biograph Reiner Stach in der Literatur-Reihe Ausgewählt im Heinrich-Heine-Haus. Foto: t&w

Reiner Stach über „Kafka Die frühen Jahre“

ff Lüneburg. Er wurde nur 41 Jahre alt, blieb ein ewiger Junggeselle, wohnte bei den Eltern und hat Zeit seines Lebens seine enge, kleinbürgerliche Welt, das Prag der vorletzten Jahrhundertwende, nie wirklich verlassen. Aber er schrieb Romane, die unbestritten zum Kanon der Weltliteratur gehören: Franz Kafka (18831924) gilt heute als der meistgelesene Autor deutscher Sprache, und er schuf Welten, deren Gesetzmäßigkeiten im modernen Sprachgebrauch zu einer eigenen Wortschöpfung geführt haben „kafkaesk“. Über dieses Phänomen sprach Dr. Reiner Stach, in der Branche der Kafka-Kenner die Nummer eins, mit Moderatorin Sigrid Löffler im Heinrich-Heine-Haus.

Reiner Stach schrieb bereits zwei hochgelobte Kafka-Biographien (2002 und 2008), die in ihrer Eindringlichkeit und Farbigkeit selbst Romancharakter entwickelten. Jetzt hat der Literaturwissenschaftler, der sich gut 18 Jahre lang mit seinem „Lebensautor“ beschäftigte, die Trilogie mit dem Band „Die frühen Jahre“ abgeschlossen. Der Mythos Kafka, der Ruf Reiner Stachs, nicht zuletzt wohl die Popularität Sigrid Löfflers, die 1988 bis 2000 zu Reich-Ranickis „Literarischem Quartett“ gehörte dies alles führte dazu, dass der jüngste Termin der Reihe „Ausgewählt“ des Literaturbüros ausverkauft war.

Kafkas frühe Jahre also: Stach skizzierte die Entwicklung eines sensiblen, zugleich hochbegabten und introvertierten Kindes, das weitgehend unbeachtet in einem kühlen Elternhaus aufwächst. Die Kafkas arbeiten sich als Händler von „Galanterien“ (also Vorhängen, Kordeln, Schleifen, etc.) zu durchaus erfolgreichen Geschäftsinhabern hoch, bleiben in ihren zahlreichen Umzügen aber immer in den kleinbürgerlichen Gässchen ihres Prager Viertels gefangen.

Für ihre Kinder haben die vielbeschäftigten Eltern kaum Zeit. Bedienstete wie etwa Kindermädchen werden nach Belieben angestellt und gefeuert, zwei Geschwister von Franz sterben schon nach wenigen Monaten, die Betreuung von Kindern geht nie über eine standardisierte Grundversorgung hinaus. Bereits hier sind viele Merkmale angelegt, die Kafkas berühmte Erzählungen wie „Das Schloss“ oder „Der Prozess“ prägen: Es gibt keine Behaglichkeit, kein Vertrauen, kein Ausweg, Freundschaften zwischen Menschen erweisen sich als brüchig und kurzfristig. „Franz Kafka hatte keinen Halt, außer an sich selbst“, so Reiner Stach, „und er glaubte nie an die Stabilität von Beziehungen“.

Gefangen war Franz Kafka auch in seiner Herkunft als Jude: Zwar promovierte er mit 23 Jahren in Jura, doch der junge Herr Doktor fand keinen aussichtsreichen Arbeitsplatz. Die Ressentiments der Gesellschaft gegen die rein rechtlich inzwischen gleichberechtigten Juden waren nicht aufzubrechen, und konvertieren wollte Kafka nicht. So besorgte ihm ein Onkel eine Stelle als Sicherheitsbeauftragter einer Arbeiter-Unfallversicherung. So lernte der Schriftsteller immerhin die dunklen lauten Werkhallen kennen, deren Atmosphäre er für die Schauplätze seiner Erzählungen adaptierte.

Zu den wenigen treuen Verbündeten von Franz Kafka zählte der Schriftsteller Max Brod. „Kafka hatte wirklich großes Pech in seinem Leben“, so Reiner Stach. Die Nachwelt dagegen hatte Glück. Denn Max Brod, der die durchweg unveröffentlichten Manuskripte der großen Romane des Perfektionisten und stets an sich zweifelnden Franz Kafka aufbewahrte, hielt sich nicht an die testamentarische Anweisung seines an Tuberkulose gestorbenen Freundes, die Texte zu vernichten. Stattdessen publizierte er sie. Heute gilt Kafka, so Reiner Stach, als Jahrtausend-Autor, dessen Werke immer wieder neue, zeitgemäße Les-Arten ermöglichen wie Shakespeare.