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Erich Brüggemann richtet seine Skulptur Das Mittel der Selbsterkenntnis. Links: Der Weisheit einen Landeplatz (Acryl, 2014). Foto: ff
Erich Brüggemann richtet seine Skulptur Das Mittel der Selbsterkenntnis. Links: Der Weisheit einen Landeplatz (Acryl, 2014). Foto: ff

Erich Brüggemann stellt in Radbruch aus

ff Radbruch. Erich Brüggemann schaut sich an seinem nächsten Ausstellungs-Ort um, einer Scheune — leicht schiefe Bretterwände, Nischen, Verschläge, Werkstätten, selbst gezimmerte Treppen und Türen, und was er sieht, das gefällt ihm: „Ich schätze dieses Milieu“, sagt der Künstler, der demnächst 87 Jahre alt wird. In einer lichtdurchfluteten Galerie, einem sogenannten „white cube“, da kann ja alles irgendwie bedeutsam aussehen. Aber hier, in Walter Knolles Scheune, die eigentlich als hölzernes Biotop für sich schon ein Kunstwerk ist, da müssen sich Gemälde und Skulpturen erst einmal behaupten. Doch Erich Brüggemann ist zuversichtlich.

Ein Leben als erfolgreicher, mit vielen Preisen ausgezeichneter Maler, Zeichner, Graphiker, Tischler, Bildhauer und Restaurator haben ihm die nötige Selbstsicherheit gegeben. „Himmel musikalischer Luftgeister — 60 Werke aus 50 Jahren“ ist der Titel der Ausstellung, die Sonnabend, 9. Mai, 15 Uhr, bei Walter Knolle in der Schäfer-Ast-Straße 15a eröffnet wird.

Sechzig Werke aus einem halben Jahrhundert also, das lässt sich schon als Retrospektive begreifen. Im Mittelpunkt stehen drei — entsprechend weit gespannte — Zyklen: Illustrationen zur Odyssee, Acrylbilder und farbig gefasste Holzplastiken. Bauhaus, Informel, die kühle, abstrahierende, mit allem Zierrat aufräumende, geradlinige Kunst Nachkriegsdeutschlands berührt Erich Brüggemann nicht, sie ärgert ihn höchstens einmal. Er hat sich immer zur Gegenständlichkeit bekannt, zum Ornament, zur Figur und zur vielfach gewundenen Linie, zur Verehrung der Klassiker — Intarsienarbeiten beispielsweise und Fotografien von Kirchen-Interieurs, auch Arbeiten im öffentlichen Raum Lüneburgs, künden davon.

In seinen Gemälden spiegelt Brüggemann Mythen der Antike, dabei setzt er die Protagonisten aber nicht in ihr vertrautes Umfeld, sondern gibt ihnen symbolhaft aufgeladenen Raum, und zwingt damit dazu, die alten Geschichten neu zu überdenken. Das gilt auch für die jüngeren (seit 2003 entstandenen) Acrylgemälde, die den Menschen in eine tosende, sich auflösende Natur entlassen — „Luftgeister“ eben. „Die jetzigen Erregungen in der Welt lassen sich mit der Katastrophe vor hundert Jahren vergleichen“, sagt und schreibt Erich Brüggemann. Da muss man ihm nicht zustimmen, aber so ist nun einmal seine Sicht.

Als nachdenklicher, ironischer, auch mal zynischer und immer drauflos fabulierender Bildhauer zeigt sich Brüggemann mit seinen Objekten, in denen der Mensch (oder das mythologische Wesen), aus Lindenholz fein herausgeschnitzt, sich zwischen derben Brettern behaupten muss (so ähnlich also wie in der Scheune selbst). Da ist ein Motorradfahrer, der sich um einen Zaun gewickelt hat, ein Mann, der sich selbst fotografiert (ein „selfie“ also), eine „Frauenbeauftragte“, die immer wieder vor Wände stößt — stets mühen sich diese Wesen, sich aus ihrer Fassung herauszudrehen. „Befreiungsversuche“ nennt Brüggemann diese Szenarien. Entwürfe gibt es für diese oft diffizilen Arbeiten nicht.

„Ich habe versucht, Brüggemann zu werden“, sagt der Künstler, der in Winsen/Luhe geboren wurde und dort bis heute lebt und arbeitet. Zum Brüggemann-Werden gehört auch, die Arbeiten mit einem Überbau zu versehen, mit Reflexionen über die Entwicklung der Kunst und mit Schilderungen der eigenen Auffassungen. Das 124-seitige Büchlein „Die Rückkehr des aufrechten Ganges“, erschienen im Eigenverlag, ist auch bei der Ausstellung zu haben. Sie läuft bis 21. Juni, geöffnet jeweils sbd./so. von 15 bis 18 Uhr. Am Sonnabend, 6. Juni, 16 Uhr, laden Erich Brüggemann und Walter Knolle zum Werkstattgespräch.