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Der Soldat (Thorsten Dara) lässt sich von dem Teufel (Burkhard Schmeer) die geliebte Geige abluchsen, im Tausch gegen ein Buch, in dem angeblich die Zukunft steht. Der Erzähler (Volker Tancke) verfolgt  die Tragödie blind. Foto: t&w
Der Soldat (Thorsten Dara) lässt sich von dem Teufel (Burkhard Schmeer) die geliebte Geige abluchsen, im Tausch gegen ein Buch, in dem angeblich die Zukunft steht. Der Erzähler (Volker Tancke) verfolgt die Tragödie blind. Foto: t&w

Premiere für die „Geschichte vom Soldaten“

ff Lüneburg. Vor dem Krieg gibt es kein Entkommen. Wer ihn erlebt hat, wird ihn nicht mehr los. Die „Geschichte vom Soldaten“ erzählt der Schweizer Schriftsteller Charles-Ferdinand Ramuz, sie handelt von Menschen, die aus dem (Ersten) Weltkrieg zurückkehren und sich in einer fremdgewordenen Welt zurechtfinden müssen. Igor Strawinsky, 1917/18 selbst fern der Heimat, illustrierte die Texte. Zusammen mit einem Bühnenbildner und einem Dirgenten entwickelten sie ein Bühnenstück in ungewöhnlicher Dramaturgie. Es feierte jetzt Premiere in der KulturBäckerei.

Damit stellt sich auch ein neues Ensemble vor: Das „Theater-Konglomerat“ besteht fast durchweg aus vertrauten Künstler(inne)n der Branchen Musik, Schauspiel und Tanz. Dreh- und Angelpunkt ist Volker Tancke, Initiator des ambitionierten Projekts und in der Geschichte der Erzähler — aber was für einer: ein traumatisierter Soldat, die Augen mit einem Verband verdunkelt, der — „unter Lebenden lebendig tot“ — in seiner Heimat nicht mehr erkannt und nachts von Albträumen geschüttelt wird. Es gibt einen zweiten Soldaten (Thorsten Dara), er lässt sich von dem Teufel (Burkhard Schmeer) seinen letzten Besitz abschwatzen, eine Geige ohne Saiten.

Die Menschen sind eben verführbar, in der Not ganz besonders, und die stumme Violine mag für die Wortlosigkeit angesichts des Grauens stehen. Wie ein Traum muss dem einsamen Kriegsheimkehrer die Begegnung mit einer schönen Königstochter (Tänzerin Katerina Vlasova) erscheinen. Denn der Erzähler, der nichts mehr erkennt, erschafft Märchenwelten für die Protagonisten. Ramuz hatte — nach einer Idee Strawinskys — eine russische Märchensammlung in das Drama eingearbeitet. Aber es stellt sich die Frage nach der Verantwortung für das Grauen — der Teufel haftet nicht dafür.

Die „Geschichte vom Soldaten“ — in der Inszenierung ein Sub-Genre zwischen Musiktheater und Schauspiel mit Musik — ist für eine Wanderbühne bestimmt: Die Bühne besteht nur aus einem spitzen Keil, es gibt kaum Requisiten, das Orchester (Leitung: Phillip Barczewski) agiert als Septett — aber jede Instrumentengruppe ist hoch und tief (also etwa mit Geige und Kontrabass) besetzt, sodass ein umfangreiches Klangspektrum realisierbar ist. Strawinsky schrieb Musik von Kirmes bis Apokalypse, ein Reigen, der quer durch die Seelenlandschaften der entwurzelten Menschen führt.