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Agnes Müller (rechts), Birgit Becker, Raimund Becker-Wurzwallner (links) und Leif Scheele spielen namenlose Künstler, die aus dem Unfall einer prominenten Kollegin Kapital schlagen wollen. Foto: theater
Agnes Müller (rechts), Birgit Becker, Raimund Becker-Wurzwallner (links) und Leif Scheele spielen namenlose Künstler, die aus dem Unfall einer prominenten Kollegin Kapital schlagen wollen. Foto: theater

Mark Ravenhills satirisches Kammerspiel „Pool (kein Wasser)“ feiert Premiere im T.NT

ff Lüneburg. Da liegt sie nun, die große Künstlerin — splitternackt auf den Kacheln ihres Pools, in dem leider kein Wasser ist, weshalb sich seine stolze Besitzerin alle Knochen gebrochen hat. Einen dramatischen Sprung ins Becken hatte sie zeigen wollen, mit viel Anlauf, hoch hinauf und einer mächtigen Welle. Entsprechend groß ist die Fallhöhe, wie ihre Freunde nun hämisch registrieren. Ebenfalls nackt stehen sie um das bewusstlose Unfallopfer herum und finden dies alles schön und richtig.

So beginnt „Pool (kein Wasser)“ des britischen Dramatikers Mark Ravenhill, ein Kammerspiel über Freundschaft und Hass, über Blutergüsse und die Mechanismen des zeitgenössischen Kunstbetriebs. Im T.NT feierte die schwarze Satire Premiere in der Regie von Rüdiger Walter Kunze, es spielt das Theater zur weiten Welt: Birgit Becker, Agnes Müller, Leif Scheele und Raimund Becker-Wurzwallner sind eine Clique von inzwischen noch vier frustrierten Angehörigen, die in London sozial relevante Kunst zelebrieren, also irgendwas mit Heroin-Babys beispielsweise, und es damit allenfalls in Hinterhof-Galerien schaffen. Nur die Fünfte im Bunde kam irgendwann mit ihren Arbeiten groß raus, lebt nun, weit weg vom coolen, aber schmuddeligen London auf einem schicken Landsitz bei L.A., mit persönlichem Fitnesstrainer und eben mit einem schönen Schwimmbad. Dort sollten die Erinnerungen an die alten, vielversprechenden Zeiten aufgefrischt werden. Aber die Nacktbade-Fete endet abrupt.

Es gibt keine individuellen Charaktere in diesem Stück, der Autor hat nicht einmal ihre Zahl und ihr Geschlecht festgelegt. „Pool“ entwickelt sich allein aus der Sprache heraus. Die Darsteller können und dürfen also kaum Profil als Typen entwickeln, was ihnen die Sache einerseits schwierig macht, andererseits die Konzentration des Publikums eben auf das Gesagte lenkt, zumal es außer vier Notenständern und ein paar Swimmingpool-Foto-Wand-Projektionen auch keine Bühnenausstattung gibt. Der Regisseur arbeitet geschickt die psychologischen Dimensionen heraus, lässt die Vier aus den Stimmungen heraus agieren — hämische, ungebremste Schadenfreude, kritische Reflexion, Resignation, ungefilterter Hass und zugleich die demütigende wie verblüffende Erkenntnis der eigenen Kälte. Das sind die bleibenden Momente dieses Theaterabends.

Es ist auch ein Stück über Macht und Autorität. Die vier Freunde versuchen, aus dem langsamen Heilungsprozess der Schwerverletzten im Krankenhaus Kapital zu schlagen, begutachten, sie sind schließlich Künstler, die wunderbaren Farben der Schwellungen und Prellungen, die erstklassiges Material für provozierende Ausstellungen hergeben. Aber dürfen sie das Elend ihrer Freundin so ausbeuten? Am Ende übernimmt die genesende Meisterin wie selbstverständlich wieder die Regie, und damit gewinnt der „Pool“ an zusätzlicher Tiefe: Die vier Freunde werden in den Londoner Lofts stecken bleiben, es ist und bleibt ihre Welt.