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„Wie im Himmel“ im Theater Lüneburg

oc Lüneburg. Es ist kalt. Schnee ist gefallen. Die Luft friert. Da steht er nun, der große Dirigent und schaut — und schaut. Auf acht Jahre ist sein Kalender gefüllt, die Welt wartet auf ihn, und was macht dieser Daniel Daréus? Er steigt aus. Er geht zurück in das kleine schwedische Dorf oben in der Einsamkeit, wo niemand auf ihn wartet. Damals, als er Kind war, da hatten sie ihn verprügelt, seine Geige getreten. Die Welt ist noch immer eng hier in Ljusåker, aber Daniel wird sie aufschließen, diese Welt — und sie ihn auch. Es ist eine anrührende Geschichte, die Kay Pollak in seinem Film „Wie im Himmel“ erzählt. Diese Geschichte aus Liebe, Musik und Gewalt berührt ebenfalls auf der Bühne. Regisseur Jasper Brandis und Dramaturgin Katja Stoppa haben Pollaks Vorlage bearbeitet, das Theater Lüneburg erlebt einen Abend mit dem Prädikat: unbedingt ansehen!

Das Stück zum Film, das ist so gefährlich wie der Film zum Buch. Das nachfolgende Medium kann sich kaum gegen vorgefertigte Bilder und Erwartungen behaupten. Gut also ist es, den Film nicht gesehen zu haben. Dann funktioniert diese Geschichte so schnell, wie das erste Bild greift mit dem fröstelnden Daniel, der verloren in seiner kalten Heimat steht. Die Welt dort ist verbrettert, zeigt Barbara Blochs sinniges Bühnenbild, aber es wird sich zeigen, dass die Bretter, die diese Welt bedeuten, Licht durchlassen können. Dafür musste Daniel zurückkommen.

Zwei Menschen herrschen im Dorf. Matthias Herrmann spielt den Pfarrer Stig und trifft genau den nordisch-asketischen Typ von verkniffenem Protestanten, dem alles auf Erden Sünde ist, der misstrauisch über seine Schäfchen wacht, aller Lust feindlich gegenübersteht — und heimlich Pornohefte hortet. Und dann ist da Arne, der Macher, eine ideale Rolle für Gregor Müller, der das Vorlaute und Nassforsche seiner Figur herausplatzen lassen kann. Na ja, da ist ein Dritter im Dorf, der übt auch Macht aus, mit Gewalt und hemmungslos brutal, wenn er besoffen ist, und das ist Conny meistens. Philip Richert spielt schon erschreckend echt einen Mann, der seine Frau an den Haaren durchs Dorf zieht — und keiner schreitet ein. Conny, der hat damals schon den kleinen Daniel verdroschen.

Jasper Brandis lässt in seiner durchkomponierten Inszenierung Daniels traumatische, vaterlose Kindheit samt frühem Tod der Mutter als Erinnerung aufscheinen. Diese Schwere liegt dem Daniel, wie ihn Martin Andreas Greif spielt, auf der Seele. „Musik ist das einzige, was ich kann“, wird er sagen und seinen Wunsch: „Ich wollte eine Musik machen, die die Herzen der Menschen öffnet.“ Was ihm rund um die Welt zur Pose geriet, hier oben wird es gelingen — und auch ihn heilen.

Martin Andreas Greif hat die schwerste Rolle, er muss als Daniel gegen den Film in den Köpfen der Betrachter anspielen. Aber ihm gelingt das eindringliche Porträt eines in sich gekehrten, sensiblen Menschen, der sich von der Direktheit der Menschen des Dorfes berühren und öffnen lässt. Dem kleinen Chor, der sich anfangs wunderbar durch einen Advents-Choral schlottert, vermittelt er mit unkonventionellen, das starre Dorfgefüge erschütternden Methoden die befreiende Kraft der Musik. Er selbst lernt, was Leben ist und was Liebe bedeutet. Dafür sorgt Lena, der Alisa Levin mit sanfter Hartnäckigkeit Züge von Zartheit und Entschlossenheit gibt. Wie sie dem unbeholfenen Daniel das Radfahren beibringt, da muss es einfach rote Rosen regnen.

Jasper Brandis gelingt es, solche schnell in Kitsch oder Sentimentalität rutschenden Bilder in der Balance zu halten. Er lässt das Brutale in aller Härte ins Leben brechen, und er findet für die Schlusszene mit dem großen Bürgerchor einen anrührenden, aber nicht pathetischen Zugriff. Er trägt auch die Botschaft des Stücks, dass jeder sein Leben zum Besseren wenden kann, nicht zu dick auf.

So genau wie die Komposition im Großen, so nah am Leben sind die Figuren des Dorfes. Ulrike Gronow spielt Inger, die Frau des Pfarrers, die bis zur Verzweiflung um ihren Mann kämpft und ihn nicht zu erreichen scheint. Da ist Gabriella, die geprügelte Conny-Ehefrau, bei der Beate Weidenhammer das Ringen zeigt, wie aus Verzweiflung Mut wachsen kann. Olga Prokot spielt mit Kraft und Saft die zwischen Eifersucht und Hingerissenheit pendelnde Siv, ebenso Fabian Kloiber den stillen, dann aber platzenden Holmfried und Felix Breuel den Erik. Und dann tritt Tore auf, der als Dorfdepp abgedrängt ist, dessen Stärke Daniel aber erkennt, und der allen zeigt, wie gut er dazugehört. Ihn spielt aus Stefan Schliephakes Lebenshilfe-Theaterteam Daniel Boye — er ist schlicht phantastisch.

Kinder teilen sich bei diesem wie Musik antickenden Abend etliche Rollen, das sind Jonathan Blankemeyer, Leonhard von Freymann, Sebastian Hark, Anton von Mansberg und Luis Weber. Am Ende gibt es Bravos und Standing Ovations und hier noch den nächsten Termin: Donnerstag, 14. Mai, 20 Uhr.