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DJ Patlac bei der Arbeit auf der Freilichtbühne. Foto: t&w
DJ Patlac bei der Arbeit auf der Freilichtbühne. Foto: t&w

Elektronikfestival in Luhmühlen: Kein Kommerz, kein Fleisch

hjr Luhmühlen. Manchmal liegt das Glück auf dem Boden. Selbst die nächtliche Kühle störte da wenig. Ein belebender Platz für chill-outs, ausgelassenes Tanzen, fröhliche Stimmung, gemeinsames Feiern, das sollte es sein. Und mehr noch: Handgemachtes war gefordert, und sogar die Nachhaltigkeit musste garantiert sein. Reichlich Anspruch also, mit dem die Organisatoren des ersten Elektronik-Festivals in Luhmühlen antraten.

„Because we are friends“ lautete der Titel als Neugierde stimulierender Relativsatz, bei dem jedoch der konkrete Bezug fehlt. Was also bildete die Voraussetzung für das freundschaftliche Beisammensein? Die kollektive Lust an der Musik, so das klare Plädoyer der Veranwortlichen. Dieses Vergnügen führte Publikum und Künstler in eine Allianz. Party total und entsprechende Laune bis zur Erschöpfung bot das viertägige Spektakel an jenem Ort, wo sonst Pferde den Ton angeben. Rund 2000 Besucher registrierte die Kasse und drei Bühnen verwandelten das Gelände in ein akustisches Paradies für alle, die den Sound von Techno oder House besonders innig lieben.

Hinter dem riesigen Aufwand stehen zwei bekannte Namen der Szene: Lukas Tomko und Tom Hansen, Kulturwissenschaftlicher mit reichlich Passion für ungewöhnliche Locations und zeitgenössische Musik jenseits der altehrwürdigen Konzerthallen. Beide haben Lüneburg-Bezug. Dort startete die Idee. „Weihnachten vor drei Jahren trommelten wir einige Freunde zusammen, mit denen wir ein Programm gestalteten,“ erläutert Lukas Tomko. Inzwischen läuft unter dem Logo „Because we are friends“ auch eine Reihe im Hamburger Kulturtreff „Waagenbau“ und die logische Weiterentwicklung der Konzeption setzte nun mit dem Festival in Luhmühlen ein neues Ausrufezeichen. „Auch hier treten Freunde von uns auf und wir hoffen, dass der Funke auf das Publikum überspringt, es ebenfalls freundschaftlich verbindet,“ konstatierte das Duo vor dem Start. Das funktionierte auf Anhieb währender der Luhmühlener Tage und vor allem Nächte.

Prominente DJs holte das kreative Team Tomko und Hansen in die Nordheide. Darunter Monkey Safari, zwei erfolgreiche Brüder aus Halle, die sich nach Händel als wichtigsten Kultur-Exportartikel ihrer Stadt interpretieren und auf ihren umfangreichen, bis nach Aus­tralien reichenden Auftrittskatalog verweisen. Von Moskau bis New York ist auch Jan Blom­qvist unterwegs, ein junger Berliner, der mit seiner eigenen Band gern mal zum Elektro-Pop greift. Veteran Oliver Huntermann stand auf der Künstlerliste, der bisher eine stattliche Discographie erspielte und weltweit reüssierte. Sven Dohse und Mollono Bass gehören zu den bedeutenden Vertretern ihrer Zunft und sie brachten die Emotionen in Luhmühlen ebenfalls mächtig in Wallung. Rund 50 Live-Aktionen waren zu erleben, zu betanzen und bestaunen und die DJs gaben sich die Mikrophone im raschen Stabwechsel in die Hand. Neben dem dampfenden oder auch mal sanfteren Sound sorgten ein alternativer Floor mit Songwriter-Stücken und diverse Künstler für weitere Akzente, zum Beispiel Graffiti, Video-Installationen, das sehr gefragte Body-Painting, die stets beliebte Stand-Up-Comedy oder das momentan populäre Poetry-Slam, manches animierte gleich zum Mitmachen.

Ein solches Fest in der Natur kann verheerende Folgen mit monströsen Unratbergen haben, wenn das entsprechende Bewusstsein fehlt. Darauf achteten die Veranstalter mit Nachdruck. Für zehn Euro Pfandgebühr musste jeder Besucher einen Müllsack erwerben, füllen und entsprechend beim Verlassen wieder abgeben, bei Tellern, Besteck und Flaschen waren Recyclebarkeit garantiert.

Selbst kulinarisch blieben Tomko und Hansen konsequent: Fleisch gehörte auf den Index, stattdessen boten die Stände ausschließlich veganes und vegetarisches Essen zu fairen Preisen an. „Wir möchten mit diesem Festival dem Kommerz eine Absage erteilen, den alternativen Gedanken in den Vordergrund schieben“, betonte Lukas Tomko.

Das überwiegend junge Publikum zumeist aus Norddeutschland genoss die knapp vier tollen Tage auf jeden Fall. Weitgehend schlaflos verbrachten Lukas Tomko und Tom Hansen den Techno-Marathon und vergaßen prompt den Termin für das vereinbarte Telefon-Resümee. Im kommenden Jahr wären bei einer Neuauflage des Festivals gewiss ein paar mehr hilfreiche Hände sinnvoll.