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Jürgen Kaube (links) im Gespräch mit Achatz von Müller. Foto: t&w
Jürgen Kaube (links) im Gespräch mit Achatz von Müller. Foto: t&w

Mehr Qualität, mehr Zeit – Jürgen Kaube und die Krise des Bildungssystems

hjr Lüneburg. Novalis schrieb um 1800 bemerkenswerte Texte. Sie werden heute noch in Schulen behandelt. Die Unterrichtseinheit heißt „Liebe in der Romantik“. 15-jährige Gymnasiasten suchen Ausdrücke für erotische Gefühle, markieren mit zwei unterschiedlichen Farbstiften himmlische und irdische Ausdrücke. Das garantiert nachhaltigen Lerneffekt und sichert die wichtige Fähigkeit, korrekt zu unterstreichen. Kompetenz nennt sich der Begriff heute und ersetzt das früher geforderte Fachwissen. Für Jürgen Kaube, Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, ist das ein signifikantes Beispiel für die Fragwürdigkeit der Struktur. „Statt Paradigmenwechsel offenbart sich hier die Parodie, die Aufgabe weckt bei Jugendlichen eher Hass als Hingabe.“ Mit Achatz von Müller, Professor für Humanities in Lüneburg, unterhielt sich der Gast in der Leuphana auf Einladung des Literaturbüros über die Krise des Bildungssystems.

Der Schock wirkte: Die PISA-Studie attestierte Deutschland im Bildungs-Vergleich eine schwächelnde Position. Konsequenz: Reformen in Dauerschleife, Vergleichsarbeiten, Zentralabitur. „Gleichmacherei“, behauptet Kaube und schrieb das Buch „Im Reformhaus“ (zu Klampen Verlag) mit Essays zum Thema. Daraus zitierte er in Lüneburg. Verweist PISA gar auf eine Krankheit? „Das Resultat ist auf jeden Fall ein Bluff, eine permanente Kur, ohne entscheidende Veränderungen zu erzielen“ konstatierten die Gesprächspartner.

So blieben die Initiativen kosmetische Korrekturen. „Wir müssen lokale Lösungen zulassen, keine einheitlichen Vorgaben“, so der Journalist. Nicht ohne ironische Schlenker besahen die beiden Talker Aspekte der Misere, stellten Fragen, nutzten Empirie und Soziologie, servierten aber bewusst keine durchgreifenden Rezepte.

Was ist mit dem Standortvorteil, der unterschiedlichen Ausbildung von Lehrkräften, den prägenden Milieus, schließlich dem Habitus? Echte Chancengleichheit jedenfalls können Jürgen Kaube und Achatz von Müller kaum in der bundesrepublikanischen Realität ausmachen, landeten dabei prompt bei Pierre Bourdieu und dem mittelalterlichen Erkenntnistheoretiker Thomas von Aquin, wechselten schließlich den Blick von der Schule zur Universität und stellten dort ebenfalls diverse Kalamitäten fest. „Heute dominiert der Druck, finanzielle Mittel einzuwerben und internationale Netzwerke zu bespielen, Hochschulen mutieren oft zu PR-Apparaten, in denen die Lehre in den Hintergrund gerät.“

Gibt es daraus logische Schlussfolgerungen? „Wir brauchen weniger Formalismus, mehr Qualität statt Quantität, Zeit zum Reflektieren und Nachdenken, um Lernprozesse zu befördern.“ Ein Credo, das zugleich manche Potemkinsche Dörfer der Bildungsadminis­tration ins Wanken bringt. Ein Abend mit klugen Gedanken, Aufrissen und Kommentaren, ohne indes neue Facetten zu beleuchten und trotzdem ein notwendiger Kassandraruf. Als hätte ihn das niedersächsische Kultusministerium wahrgenommen, lädt es im Juli innovative Schulen und Bildungsorganisationen zu einer Zukunftskonferenz ein. Dort sollen die Weichen für prospektive Pädagogik gestellt werden. Vielleicht kommt dann tatsächlich mehr Sinnhaftigkeit in die Curricula. Nicht nur Jürgen Kaube und Achatz von Müller würden sich darüber freuen.

2 Kommentare

  1. Achatz-Erlebnis

    “Heute dominiert der Druck, finanzielle Mittel einzuwerben und internationale Netzwerke zu bespielen, Hochschulen mutieren oft zu PR-Apparaten, in denen die Lehre in den Hintergrund gerät.”

    Daß das so ist, dafür hat man in Lüneburg mit der Leuphana und ihrem reklameobsessiven Kellermeyerguckelgespoun vor der Studienkasernierungskutsche neuen Typs ja ein Anschauungsobjekt, wie es den Mißstand nicht besser exemplifizieren könnte.

    „Wir brauchen weniger Formalismus, mehr Qualität statt Quantität, Zeit zum Reflektieren und Nachdenken, um Lernprozesse zu befördern“ ? „Ein Credo, das zugleich manche Potemkinsche Dörfer der Bildungsadminis­tration ins Wanken bringt“ ?

    Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.

  2. Sebastian Krüger

    Der Leser von Kaubes glänzendem Reformhausbuch (siehe Artikel oben) lernt unter anderem den Organisationssoziologen Charles Perrow kennen, der Ende der Fünfzigerjahre ein Krankenhaus in Michigan untersuchte. Es hatte sich schon damals eine PR-Abteilung zugelegt. Da medizinische Leistungen von Laien kaum zu beurteilen sind, versuchte man, diese, auf deren Urteil man ja angewiesen war, mit anderweitig gewonnenem Prestige zu beeindrucken: mit Fernsehgeräten, einem kleinen Museum, besserem Frühstück. Angeblich stehen Universitäten heute vor ähnlichen Problemen. Die Qualität der Forschung vermag die Öffentlichkeit genauso wenig wie die geldverteilende politische Kaste zu beurteilen. Da man in Deutschland nicht auf das Renommee unter Professoren, Studenten und Absolventen setzt, bleiben für die „Erhöhung der Außenkommunikation“ zwecks Prestigegewinn Rangtabellen, Drittmittellisten, Siege in Exzellenz-Wettbewerben. Kaube spricht vom „Perrow-Effekt“: Kriterien der Kompetenzsimulation, die einmal allein der werblichen Außendarstellung dienten, werden mittlerweile als „wissenschaftlich“ akzeptiert, obwohl sie intern nur Kosten verursachen. Inzwischen gibt es Hochschulen, die mehr Energie, Arbeitszeit und Geld darauf verwenden, durch „spektakuläre“ Selbstdarstellung (Architektur, Broschüren, technische Ausstattung, Netzwerkkosmetik, Tagungsjahrmarkt, Medienpflege und Vermarktungsevents, etc.) den Anschein von Bedeutung zu erzeugen, als durch das hartnäckige Bemühen um Erkenntnisfortschritt in Forschung und Lehre diese Bedeutung tatsächlich zu erlangen. Mit anderen Worten, das Vorhandensein von „Fernsehgeräten, einem kleinen Museum und einem besseren Frühstück“ ist wichtiger geworden als echte Leistung, fachliche Qualität, exzellente Ausbildung und substanzielle Beiträge zu den Kernfragen der jeweiligen Disziplin. Es soll ja auch Leute geben, die annehmen, ihr blödes Gequatsche werde dadurch geadelt, dass sie es ununterbrochen ins stets teuerste Smartphone auf dem Markt sabbeln.