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Philip Lulu Mimeuse Richert singt, Mira Teofilova begleitet den Lieblingsliederabend. Foto: theater/tamme
Philip Lulu Mimeuse Richert singt, Mira Teofilova begleitet den Lieblingsliederabend. Foto: theater/tamme

Premiere im T.NT: Rotz und Wasser, Gin und Lava

Lüneburg. Die Diseuse Lulu Mimeuse heißt im Personalausweisleben Philip Richert. Sie hat sich von Papageno das bodenlange Federkleid geborgt, das wie ein Eisbärfell zu Boden schlackert und aus dem ihre seine kräftigen Arme ragen — alles Muskeln oder was? Aber es ist ja immer die Frage, wie eine wahre Diseuse oder echte Chanteuse wie Frau Mimeuse ihre Garderobe trägt, und Lulu Richert besitzt natürlich alle erforderliche Grandezza. Für ein paar Lieder klappt es auch mit dem Stöckeln auf hohen Hacken ganz gut. So geht es hinein in einen ziemlich wunderbaren Liederabend, den sich Philip Richert mit Pianistin Mira Teo­filova ertüftelt hat. Das Ergebnis macht im T.NT eine Menge Spaß, dank guter Musik und der nötigen Ironie, die Abstand zum überstrapazierten Tuntentransentypus herstellt.

Es weht also eine Brise von Angies Nightclub durch den Theaterkeller. Glitzerlichter, Discokugel und der ganze Flitter angegilbter Mondäne umgibt das Gespann. Mira Teofilova trägt das unfassbare Fabelkostüm einer Wagner-Heroinen-Fantasy-Parodie, und vor allem muss sie von Lulu Richert eine Menge aushalten. Denn diese Diseuse geizt nicht mit Zynismen, Arroganz und Beleidigungen. Sie provoziert und macht natürlich auch die wunde Seele sichtbar, die hinter allen Panzerungen liegt.

Das Verruchte ist Richert zwar nicht wirklich abzunehmen, und sexy kommt er auch nicht gerade rüber. Er steckt dafür nicht tief genug in der Haut seiner Rolle; er spielt. Einige Bilder sind arg fett geraten und einige Witze flach auf Provokation gepolt, auf dass sich der Abend das Prädikat „ab 16“ anpappen kann. Weniger wäre raffinierter. Aber Richert, bald schon ohne Perücke, setzt Pointen knochentrocken — wer in Reihe eins sitzt, sehe sich vor. Vor allem aber fließt Richerts Stimme wie Rotz und Wasser, wie Gin und Lava. Das macht den Abend stark.

Daran hat — wie bei der Erarbeitung des Programm — Mira Teofilova gehörigen Anteil. Ihr Klavierspiel erdet und vertieft, und die Pianistin ist hellwach, wenn Richert sich beim Extemporieren vergaloppiert und „Gregor, hilf!“ in den Saal ruft, aus dem das passende Stichwort schallt. Kollege und Unterstützer Gregor Müller hat es parat.

„Denn ohne Discokugeln wär das Leben ärmer“ nennt Richert seinen Abend etwas verdrechselt und nicht wirklich treffend, „Lieblingslieder“ lautet der Untertitel. Zum Start kneft Richert, bald wird er kreislern. Er bedient sich bei Neil Young, Tom Waits und bei Friedrich Hollaender, großartig haut er Pigor & Eichhorns „Was willst du denn in Wien?“ heraus. Die Wechsel von Stil und Stimmung sind krass, aber funktionieren erstaunlich gut. Und ganz am Ende in der zweiten Zugabe eines umjubelten Abends gelingt es Richert und Teofilova, alles anzuhalten. Das Spiel ist aus. Jetzt gibt es nur noch dieses Lied von Ludwig Hirsch: „Komm großer schwarzer Vogel“.

Lulu Mimeuse und Pianeuse sind — im Bühnen- und Kostümbild von Swana Gutke — wieder am Freitag, 5. Juni, im T.NT zu erleben. Der Vorverkauf läuft gut — und das wird ganz sicher so bleiben. Hans-Martin Koch