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Einsatz für Beethoven: Die Lüneburger Symphoniker, der Chor St. Johannis aus Altona und Gerrit Zitterbart am Hammerklavier. Foto: t&w
Einsatz für Beethoven: Die Lüneburger Symphoniker, der Chor St. Johannis aus Altona und Gerrit Zitterbart am Hammerklavier. Foto: t&w

Mehr geht nicht — Konzertnacht beendet Lüneburger Meisterkonzerte

oc Lüneburg. Was ist ein kulinarisches Konzert? Essen, trinken, rauchen, plaudern, während sich vorn Musiker durch die Noten pflügen? Beifall klatschen, wenn ein Solo gefällt? Ja, sind wir denn bei Rock oder Jazz? Aber genau so und zuweilen derber ging es lange im klassischen Musikbetrieb zu, zumal in der Zeit, in der die Musik entstand, die heute weitgehend die Programme prägt. Beim kulinarischen Konzert, das nun zum Finale der Meisterkonzertsaison im Theater erklang, blieb alles hübsch gesittet. Gefragt war zur guten Musik Kondition für einen Konzert-Viereinhalbstünder.

Kulinarisch gefielen die Tapas im Bodega-Stil, die es auf Wunsch in der ersten langen Pause gab. Die musikalische Speisekarte bot dagegen nicht nur Leichtverdauliches, es gab sogar eine Uraufführung. Lüneburgs Musikdirektor Thomas Dorsch teilte sich die Leitung mit Mike Steurenthaler, der seinen Johannis-Chor aus Hamburg-Altona mitbrachte. Dorschs Feilen am Profil seines Orchesters, die Erweiterung des Horizonts, trug somit erneut Früchte. Das Konzert wurde am Vortag in Hamburg gespielt. Es ist gut, wenn hart Erarbeitetes nicht mit einem Auftritt verfliegt.

Zuerst setzt sich Gerrit Zitterbart an sein Hammerklavier. Mit hingetupft fantasierenden Läufen, einigem Akkorddonner und virtuosem Glitzern eröffnet er Beethovens Chorfantasie, eine Art Light-Version der neunten Sinfonie. Auch hier dreht die Musik vom Instrumentalen zum Vokalen und mündet ins götterfunkengleich Sprühende. Der Chor powert und so die Solisten: Franka Kraneis, Heidrun Blase, Kristin Darragh, Karl Schneider, Steffen Neutze, Arthur Pirvu.

Punkt zwei eröffnet die Geigerin Friederike Jahn (Foto: t&w). Sie hat einen gewaltigen Part zu bewältigen bei der Uraufführung von „Sakuntala“, einem Violinkonzert von Wolfgang-Andreas Schulz. Der 1948 geborene Hamburger setzt sich oft mit außereuropäischer Musik auseinander, hier lassen sich mit durchgehaltenen Grundtönen, mit Tabla-Rhythmen indische Spuren ausmachen. Als „imaginäres Theater“ deklariert Schulz sein Werk, es klingt aber mehr wie eine innere Erzählung und alles geht von der Geigerin aus, die kurze melodische Bögen spielt, die sich farbig aufsplittern. Mittendrin kommt es zu Schubertscher Romantik, das Orchester steuert wiederholt märchenhaften Streichernebel dazu, es türmen sich leidenschaftliche Steigerungen bis zu einem hellen Finale.

Als dritter Punkt folgt Romantik pur mit Schumanns aufgefrischter ersten Sinfonie. Dorsch feilt akribisch am Sound, er kitzelt Spannung aus jedem Detail, hat die großen Bögen im Kopf und sorgt für eine fesselnde Wiedergabe. Die Bläser spielen blitzblank mit historischen Instrumenten, die dauergeforderten Streicher produzieren einen mal weichen, dann stürmisch jagenden Klang. Das hat hohes Format!

Nach der zweiten Pause übernimmt Mike Steurenthaler, nun stehen chorgeprägte Werke an. Zuerst das Te Deum von Zoltan Kodaly, ein Stück der Kontraste. Kodaly schöpft aus der Gregorianik, transportiert sie in seine Zeit. Dagegen setzt er schon zum Einstieg vom schweren Blech beherrschte heroische Motive, und wenn die Blechgewitter losbrechen, kann der Chor akustisch nicht ganz gegenhalten. Aber er macht seine Sache ausgezeichnet, folgt geschmeidig den Biegungen der Stimmen ins Dissonante, gibt ausgeklügelten Klangmischungen einen transparenten Charakter.

Finale: Martin Palmeri zeigt in seiner lateinamerikanisch gefärbten „Misatango“, dass sich der liturgische Messetext in lebensnahe Klangfarben übersetzen lässt, ohne dass die innere Anteilnahme leidet. Mit dem Bandoneon (Jakob Neubauer) gewinnen die Sätze Klangfarben aus dem Tango Nuevo. Kleine Soli, etwa von Geiger Markus Menke, und vor allem Anne Gutjahrs warmherziger Mezzosopran geben dem Stück Prägung, der Chor singt wie befreit, und das Publikum feiert die Musiker am Ende eines langen Abends. Am 27. Juni ist Palmeris „Misatango“ im Bardowicker Dom zu hören, dann singt die Städtische Cantorei.