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In der Türkei prominent und trotzdem verfolgt: Emrah Serbes ist Schriftsteller, Drehbuchautor  und kein Freund des machthungrigen Präsidenten. Foto: t&w
In der Türkei prominent und trotzdem verfolgt: Emrah Serbes ist Schriftsteller, Drehbuchautor und kein Freund des machthungrigen Präsidenten. Foto: t&w

Zwischen Literatur und Politik: Der türkische Autor Emrah Serbes im Heine-Haus

oc Lüneburg. Emrah Serbes ist gekommen, um sein aktuelles Buch „Fragmente“ vorzustellen. Es geht darin um Gedanken, Gefühle, Reflexionen, literarische Splitter, mal wie ein Aphorismus, mal ins Erzählende zu einer Kurzgeschichte geweitet. Emrah Serbes aber, der im Heinrich-Heine-Haus Platz nimmt, ist nicht irgendein türkischer Autor aus jüngerer Generation. Er ist ein wenig so etwas wie ein Rockstar der Szene, und so sieht er mit Lederjacke ja vielleicht auch aus. Er ist für jeden Gag gut, aber zugleich ein nachdenklicher Mann und ein politischer Kopf: Ihm ist das Prädikat „Stimme des Volkes“ angehängt worden.

Der 1981 geborene Autor, eingeladen vom Literaturbüro zur „Grenzenlos“-Reihe, studierte Theaterwissenschaften, arbeitete als Reporter, schrieb Theaterkritiken. Serbes beteiligte sich an den Gezi-Protesten und handelte sich eine Klage wegen, wie er sagt, Majestätsbeleidigung ein. Der Staatsanwalt forderte zwölf Jahre Haft, kam aber nicht durch. Ein zweites Verfahren, diesmal von Staatspräsident Erdogan und Sohn angestrengt, ist anhängig. „Hätte Erdogans AKP bei den Wahlen die absolute Mehrheit gewonnen, weiß ich nicht, ob ich hätte ausreisen dürfen“, sagt Serbes. Kritisch blickt er aber auch auf die Gezi-Proteste zurück, zu deren Sprechern er gehörte. Sie hätten es nicht geschafft, „sich auf die politische Ebene zu hieven“. Das sei nun der HDP gelungen, die bekanntlich die hohe Zehn-Prozent-Hürde nahm und laut Serbes fälschlicherweise als „Kurdenpartei“ bezeichnet werde. Das greife zu kurz. Die Wahl aber böte „neue Hoffnung für die Türkei, die Wähler wollen keine Alleinherrschaft Erdogans.“ Der zweite Serbes-Prozess steht am 22. Oktober an.

20 Tage vorher bringt sein deutscher Verlag einen Roman heraus, in dem Serbes die Gezi-Proteste zum Thema macht. Verlegerin Selma Wels kümmert sich mit ihrer Schwester Inci Bürhaniye seit 2011 darum, türkische Literatur ins Deutsche zu bringen. Im binooki Verlag hat Serbes einen verlässlichen Partner gefunden, auch seine in der Türkei für TV und Kino verfilmten Krimis sind dort erschienen. Das Feedback der deutschen Leser sei ihm wichtig, sagt Serbes in einem seiner langen, von Utku Kaynar übersetzten Statements, „weil ich hier nicht mit dem Ruhm der TV-Serie gelesen werde. In Deutschland fühle ich mich wie ein auf Null gesetzter Tacho.“

In der Türkei erzielen seine Bücher Auflagen von 100000. Serbes kennt die andere Seite, seine Krimis liefen anfangs nicht gut. Aber da er auch Drehbücher schreibe, hartnäckig sei und einen zu ihm stehenden Verlag habe, wurde sein Hauptkommissar Behzat Ç. zu einem Star. Das kommt dem Autor zugute, vielleicht auch, wenn seine Ansichten über den Machtpolitiker Erdogan vor Gericht verhandelt werden sollten. Sicher ist das nicht. Serbes erzählt auch von einem Gerichtstermin, zu dem alle gekommen seien, nur der Richter nicht. Im Band „Fragmente“ schreibt der Skeptiker Serbes zum Thema Freiheit: „Wir fühlen uns frei, doch im Grunde sind nur unsere Leinen etwas lockerer. Das merken wir, wenn wir an das Ende der Leine kommen. Wie durchgedrehte Mücken, die auf ihrem Weg nach draußen immer wieder an die Fensterscheibe klatschen.“