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In der Startwoche war das Museum rappelvoll. Jetzt ziehen vor allem Veranstaltungen. Foto: A/t&w
In der Startwoche war das Museum rappelvoll. Jetzt ziehen vor allem Veranstaltungen. Foto: A/t&w

100 Tage neues Museum Lüneburg: Der ganz normale Besucher fehlt

Das Museum Lüneburg hat die ersten 100 Tage hinter sich gebracht. Zeit für eine Art Bilanz. Sie fällt aus Museumssicht — natürlich — positiv aus. In Zahlen heißt das: Mehr als 16000 Besucher in gut 14 Wochen, 262 verkaufte Jahreskarten, davon 135 Familienkarten. Das klingt auf den ersten Blick gut.

Betrachtet man die Zahlen genauer, relativieren sie sich. 10000 der 16000 Besucher kamen zur kostenfreien Startwoche. Rechnet man die verbleibenden 6000 Besucher auf 13 Wochen bzw. jeweils sechs Öffnungstage pro Woche um, sind es noch 77 pro Tag. Sind da aber alle eingerechnet, die zu bisher 35 Veranstaltungen in Form von Konzerten, Vorträgen und Lesungen kamen und zu 17 Kindergeburtstagen, dann schrumpft die Zahl der ganz normalen Besucher stark, möglicherweise bis ins Bedenkliche. Gut 800 Besucher wurden auch bei der Webkunstausstellung „Artapestry4“ gezählt.

Stimmt diese Rechnung, dann bewahrheitet sich, dass ein Museum heute entweder ein Kernthema mit Sogwirkung besitzen muss oder überragende Schätze — das ist an der Willy-Brandt-Straße nicht der Fall. Der Falttisch, so singulär er sein mag, taugt nicht zum Besuchermagneten. Dritte Möglichkeit: Das Haus lebt von seinen Extras, sprich von Sonderausstellungen, für die im Museum Lüneburg wenig Platz ist, von Veranstaltungen, besonderen Führungen etc.

Dass Lüneburg ein Haus braucht, das seine Geschichte — mit und ohne Salz — erzählt, sollte selbstverständlich sein. Sichtbar wird aber, dass auf das Team um Dr. Heike Düselder enorme Aufgaben zukommen. 30000 Besucher im Jahr hat die Museumsdirektorin als Richtgröße gegenüber der LZ angegeben. In Dr. Beate Bollmanns Machbarkeitsstudie, die der Musumsplanung vorausging, lag die mögliche Zahl noch deutlich höher. Wichtig: Die Museumsleiterin trat ihr Amt zu einem Zeitpunkt an, zu dem die Grundlage der konzeptuellen Fusion von kulturhistorischem und Naturmuseum bereits festgezurrt war.

Dr. Düselder und ihr Team haben das Haus schon vor seiner Eröffnung mit einem neuen, positiven Geist belebt und dazu eine Fülle von Kooperationen geknüpft, die für Aktivitäten im Museum sorgen, es zu einer Art Kulturzentrum machen. Die VHS, die Leuphana, das Theater und die JazzIG zählen dazu, ebenso das neu gegründete „Forum Baukultur“ um Carl-Peter von Mansberg.

Auch nach 100 Tagen ist ein neues Museum natürlich eines im Aufbau. Das pädagogische Programm rollt erst an, und im Sockelgeschoss des Altbaus soll eine Museumswerkstatt für Jugendliche entstehen. Gerade erst eröffnet hat das — auch ohne Museumsbesuch nutzbare, aber meist verwaiste — Café mit Außenterrasse. Dr. Düselder weist zudem darauf hin, dass ein Museumsflyer erst erscheint und das Haus künftig bei Stadtmarketing und Urlaubswerbung auftauchen wird.

Die noch junge Dauerausstellung soll im November mit einem Raritätenkabinett wachsen. Dahinter verbirgt sich eine „Wunderkammer mit einer außergewöhnlichen Sammlung von Naturalien und allerlei exotischen und teilweise skurrilen Dingen aus dem 17. bis 19. Jahrhundert“. Die gab es auch im alten Fürstentum-Museum — und wurde schon vermisst.

Überwiegend aber bekommt das Museum in seinem Gästebuch viel Lob, Sympathie und Zustimmung. An Details wie zu kleinen, zu tief angebrachten Beschriftungen wird gearbeitet. Grundsätzlichere Kritik ist auch zu hören. Ob die Ebs­torfer Weltkarte nicht auf zu engem Raum hängt und nicht attraktiver aufbereitet werden könnte? Ob die großklobigen weißen Möbel dem schönsten Raum mit dem Blick auf die Stadt wirklich bekommen? Wer sich allerdings an ausgestopften Tieren stört, lese einmal das Feedback der Kinder.

Behaupten muss sich das Museum im Konzert mit zwei weiteren Häusern. Das Deutsche Salzmuseum am anderen Ende der Innenstadt hat, so seine kommissarische Leiterin Hilke Lamschus, seit Eröffnung des neuen Museums keinen Einbruch bei den Besucherzahlen erlitten. Es wird stark von Salzstadt-Touristen und von Schulklassen besucht.

Ein Haus nicht am Rand, sondern im Herzen der Stadt wird in absehbarer Zeit wiedereröffnet. Doch auch das vom Bund gespeiste Ostpreußische Landesmuseum plus neuer Deutschbaltischer Erweiterung muss um Besucher kämpfen, denn die „Erlebnisgeneration“ ist schlicht nahezu weggestorben. Dr. Joachim Mähnert und Team werden thematisch Bögen zur Region schlagen und damit auf ähnliche Besucher zielen wie die Museumsmarktmitgestalter.

Der klassische Lüneburg-Tourist aber besucht, wenn er nicht von den „Roten Rosen“ angestochen ist, die Stadt vor allem, weil sie eine Backsteinschönheit ist und sich nicht hinter Weltkulturerbestädten wie Wismar und Stralsund verstecken muss. Da die Stadt an sich samt besichtigbarem historischem Rathaus das Exponat ist, brauchen Museumsmacher verdammt gute Ideen. Das gilt für das neue Museum weit mehr als für das Salzmuseum, das ein Lüneburger Kernthema bespielt, sein Publikum auf sehr direkte Weise anspricht. Außerdem gibt es dort ein Extrahaus für Sonderausstellungen, die in der Vergangenheit Maßstäbe setzten. Dass es am Salzmuseum auch in mehrerer Hinsicht einen Neuanfang oder zumindest ein Durchstarten braucht, ist Kennern der Szene bekannt.

In Vorbereitung ist im neuen Museum eine „Bando“-Sonderausstellung zum Kriegsgefangenenlager (1917-1919) in Lüneburgs japanischer Partnerstadt Naruto. Sie soll im Frühjahr 2017 gezeigt werden. Ebenso wird 2017 eine Sonderausstellung das Reformationsjubiläum spiegeln. Mit der Leuphana wird außerdem eine internationale Tagung — „Dealing with Climate Change“ — vorbereitet. Und mit dem Kunstverein und dem Naturwissenschaftlichen Verein findet Ende Juni das Projekt „Licht als Signal“ statt, ein transdisziplinäres Projekt mit Glühwürmchen zum Internationalen Jahr des Lichts 2015. Es herrscht also Leben in der Bude. Von Hans-Martin Koch

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