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Lorenz S. Beckhardt liest über den Juden mit dem Hakenkreuz  seinen Großvater. Foto: t&w
Lorenz S. Beckhardt liest über den Juden mit dem Hakenkreuz seinen Großvater. Foto: t&w

Der Jude mit dem Hakenkreuz — Lorenz S. Beckhardt liest

jz Lüneburg. „Was für eine Geschichte!“ Der Stoßseufzer der Zuhörerin galt der Familiengeschichte von Lorenz S. Beckhardt. 100 Minuten hatte der WDR-TV-Journalist am Mittwochabend in der Jokers-Filiale in der Grapengießerstraße aus seinem Buch „Der Jude mit dem Hakenkreuz“ gelesen. Kurzweilig, weil der mehrfach ausgezeichnete Journalist über eine geschliffene Sprache und sarkastischen Witz verfügt. Und dennoch nicht lang genug, um seiner außergewöhnlichen Familie gerecht zu werden.

Eine andere Zuhörerin wähnte sich gar auf der Lesung eines Romans. Nach der Lektüre des 480 Seiten starken, im Aufbau Verlag erschienenen Buches wird sie zumindest in der Auffassung bestärkt werden, dass die Familie Beckhardt Stoff für einen Roman bietet.

Großvater Fritz Beckhardt war ein Flieger-Ass im Ersten Weltkrieg und der höchstdekorierte jüdische Frontsoldat. 17 Abschüsse erzielte er, flog im selben Geschwader wie Hermann Göring. Auf der Heckflosse seiner Maschine prangte ein Hakenkreuz damals noch ein unschuldiges Sonnensymbol. Die Swastika war der Glücksbringer des Piloten. Als er kurz vor Kriegsende auf einer Wiese vor seinem Heimatort Wallertheim mit seinem Doppeldecker landete, suchte jeder seine Nähe. 15 Jahre später wurde er unter dem Zeichen des Hakenkreuzes zum „Volksschädling“ erklärt, sein Lebensmittelgeschäft in Wiesbaden-Sonnenberg boykottiert. Er hatte ein Verhältnis mit seiner nicht-jüdischen Haushälterin Lina. Eine Denunziation brachte ihn wegen „Rassenschande“ ins KZ-Buchenwald, Häftlings-Nr. 8135. Nur durch die Intervention des einstigen Staffelkameraden Göring kam Fritz frei. Er emigrierte mit seiner Frau im Dezember 1940 als einer der letzten Juden.

Nach dem Krieg hielt es den deutschnational durchtränkten Fritz nicht in London. Er kehrte zurück. Doch das rote Papier, das ihn als Nazi-Verfolgten auswies, half ihm nicht, seinen Besitz wiederzubekommen. Im Gegenteil, meint sein Enkel Lorenz S. Beckhardt: „Dieser Ausweis war der Judenstern der Nachkriegszeit.“ Beklemmend sind Beckhardts Schilderungen, wie sehr der NS-Terror in den 50er- und 60er-Jahren nachhallte. „Für uns endete der Boykott jüdischer Geschäfte erst 1977, als mein Opa sein Geschäft an einen Nicht-Juden verkaufte.“ Der Druck war so groß, dass Lorenz` Eltern ihm seine jüdische Identität vorenthielten. Er wurde katholisch getauft, war Messdiener. Als 18-Jähriger erfuhr er eher zufällig von seiner verdrängten Familiengeschichte.

Jahre später recherchierte Lorenz die Geschichte des Juden mit dem Hakenkreuz. Ergebnisse sind ein Dokumentarfilm, eine Familie, die ihr Schweigen überwunden hat und dieses Buch. Es ist einerseits ein sehr persönliches Zeitzeugnis, weil es auch beschreibt, wie Lorenz S. Beckhardt seine jüdischen Wurzeln wiederfand, und andererseits eine treffende zeitgeschichtliche Analyse, weil es die Verwebung seiner Familie in die Zeitläufe darlegt.

Für den Autor war es die 30. Lesung, für die Lüneburger Jokers-Filiale eine Premiere und sie war gelungen, hätte aber noch ein paar mehr Zuschauer verdient gehabt.