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Tevje (Ulrich Kratz) versucht, Ordnung in das komplizierte Familienleben zu bringen, seine Frau Golde (Claudine Tadlock) ist skeptisch. Foto: tamme/theater
Tevje (Ulrich Kratz) versucht, Ordnung in das komplizierte Familienleben zu bringen, seine Frau Golde (Claudine Tadlock) ist skeptisch. Foto: tamme/theater

Ach, die Jugend von heute! – Premiere für das Musical „Anatevka“

Lüneburg. Tevje, der Milchmann, könnte ein wenig Beistand vom lieben Gott gebrauchen. Er hat kein Geld, dafür fünf Töchter, die gewinnbringend unterer die Haube gebracht sollen, und jetzt lahmt auch noch der Gaul, weshalb also Tevje den Milchkarren nun selbst ziehen muss. Aber ER ist wie immer damit beschäftigt, die Menschheit mit Krankheit, Krieg und Naturkatastrophen in Atem zu halten, und hat keine Zeit für die Sorgen eines Juden aus dem Kaff Anatevka, irgendwo in dem riesigen russischen Zarenreich.

Wie gut, dass Tevje, wie auch seine Mitmenschen, mit dem berühmten jiddischen Humor gesegnet sind, der so schwarz ist wie ihre Alltagskleidung und ihr Käppi, die Kippa, die sie natürlich immer tragen. Das ist der Stoff, aus dem der Autor Sholem Alejchem (1859-1916) seine unsterblichen Geschichten über die Juden in der Provinz schuf, die sich gegen Armut, staatliche Willkür, allgemeine Verachtung und immer wieder massive Pogrome behaupten müssen. Und aus diesen Erzählungen wiederum entwickelten Joseph Stein, Jerry Brock und Sheldon Harnick das — 1964 uraufgeführte — Musical „Anatevka“, Originaltitel: „Fiddler on the Roof“. Im Lüneburger Theater feierte der Klassiker jetzt Premiere in einer Inszenierung von Holger Hauer. Ein ganz großes Ding, mit Orchester (logisch), Ballett, Haus- und Extrachor, mit einer Reihe von emphatischen Sängern und Schauspielern. Denn die aufwändigen Musicals im Lüneburger Theater müssen Blockbuster werden. Das sollte auch diesmal kein Problem sein, alle Voraussetzungen sind mit der kurzweiligen, vielseitig inspirierten Inszenierung jedenfalls erfüllt.

Fiddler on the Roof, der Geiger auf dem Dach also: das Bild für ein insgesamt melancholisch-fröhliches Leben, immer hart am Abgrund. Tradition regelt das Leben und gibt Sicherheit — zum Leidwesen von Tevjes Töchtern. Denn ihre künftigen Lebenspartner werden, so ist es Brauch, von einer Heiratsvermittlerin herangeschafft. Liebe? Die kommt irgendwann mit den Ehejahren. Aber Zeitel, Hodel und Shava, bereits im heiratsfähigen Alter, wollen einen Geliebten, aber was sie da anschleppen, ist entweder arm (ein Schneider), spinnert (ein Revolutionär) oder ein Christ (und damit grundsätzlich ein Unterdrücker der Juden). Ojeh, die Jugend von heute! Tevje wäre noch rumzukriegen, aber wie soll er das seiner Frau Golde beibringen?

Überhaupt: Der lange, immer ein wenig gebeugte Tevje (Ulrich Kratz) und die stämmige, resolute Golde (Claudine Tadlock), sie sind das Dream-Team des Abends, in der herzlich gefeierten Premiere vom Publikum mit einer Extraportion Applaus bedacht. Es gibt wunderbare Szenen in dieser Produktion — etwa, wenn Tevje mal wieder mit dem Schöpfer hadert: „Lieber Gott, schick uns Medizin, die Krankheit haben wir ja schon.“ Armut ist nicht romantisch, sondern einfach nur bitter. „Wenn ich einmal reich wär“ — Tevjes Stoßseufzer, dieser Ohrwurm, ist das Markenzeichen des Musicals, es ist der einzige wirklich bekannte Song. Die Grundfarbe des Abends (Kostüme, Kulisse) ist dunkles Grau, um so farbiger leuchten die lustigen Momente. Zum Beispiel, wenn sich der Milchmann an seine eigene Hochzeit (bei der er seine Frau das erste Mal zu Gesicht bekam) erinnert, und nun wissen will, ob das, was sie zusammenhält — Golde: „Tevje, nun lass das doch jetzt!“ — vielleicht auch Liebe geworden ist.

Am Ende verlassen die Anatevker, von Pogromen zermürbt, ihr Schtetl, um in eine ungewisse Zukunft aufzubrechen, die wenige Habe auf Leiterwagen gepackt. Nach Amerika wollen die einen, was wohl eine gute Idee ist. In Europa bleiben wollen die anderen, was eine ganz schlechte Idee ist. Der liebe Gott, so viel ist sicher, wird sich schon etwas Neues einfallen lassen, um ihnen Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Tevjes Gaul jedenfalls lahmt immer noch. Frank Füllgrabe