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Phase I: Der Künstler Francesco Mariotti (li.) und der Biologe Stefan Ineichen lieferten Hintergründe zum Projekt Licht als Signal. Foto: t&w
Phase I: Der Künstler Francesco Mariotti (li.) und der Biologe Stefan Ineichen lieferten Hintergründe zum Projekt Licht als Signal. Foto: t&w

Das Glühwürmchen-Projekt

oc Lüneburg. Kein Tier, dass der Mensch nicht zu seinem Vorteil gequält hat. Betroffen ist auch das possierliche Glühwürmchen, das sein wahres Leben als Larve, Käfer und raffinierter Schneckenkiller verbringt und in seiner hiesigen Vorkommensform als Lamprohiza splendidula bezeichnet wird, das Kleine Glühwürmchen. Es kommt zum „Internationalen Jahr des Lichtes und der lichtbasierten Technologien“ zu künstlerischen Ehren. Der Kunstverein Lüneburg hat nämlich ein glühwürmliches, transdisziplinäres Projekt gestartet: „Licht als Signal“, ein Vorhaben in zwei Phasen.

Idealer Partner, um ein Projekt zwischen Kunst und Natur abzubilden, ist das Museum, das sein Konzept in genau dieser Verzahnung angesiedelt hat. Dritter im Bunde ist der Naturwissenschaftliche Verein. Für die Kunst sorgt der Schweizer Francesco Mariotti. Er umsorgt das Glühwürmchen bzw. den Leuchtkäfer, der noch viele weitere Namen trägt, schon länger, hat zahlreiche Lichtobjekte zwischen Peru und Italien realisiert, oft mit Klaus Geldmacher. Beide sind auch im Celler 24-Stunden-Kunstmuseum vertreten.

Mariotti, 1943 geboren, wird im September eine Licht- und Klanginstallation namens „Larvenzucht im Park am Museum installieren, innen wird eine dokumentarische Ausstellung zu sehen sein. In Phase I sprach Mariotti jetzt im Museum über seine Kunst und über die Faszination der Käfer, die mit Lichtsignalen kommunizieren, was Feinden sagt, das schmeckt nicht, Freunde dagegen zur Begattung bittet.

Über Glühwürmchens Welt referierte in einem zweiten Vortrag Stefan Ineichen aus Zürich. Er ist Präsident des Vereins „Glühwürmchen Projekt“, der sich für den Erhalt von Naturflächen einsetzt, die den Leuchtkäfern genügend Abwechslung als Lebensraum bieten. Ineichen erläuterte die Bioluminiszenz, also die Erzeugung von kaltem Licht durch die Käfer, er verwies auf die verschiedenen Arten und weitete das Thema aus, denn: „Es gibt keine Tierart, die ein derart reiches Assoziationsfeld bietet.“

Man findet die Tierchen in der Malerei und in der Literatur. Mal sind sie als Irrlichter, die ins Verderben führen, präsent, in der Regel aber positiv besetzt. Paul Lincke etwa schrieb 1902 in seine Operette „Lysistrata“ ein „Glühwürmchen-Idyll“, in dem es heißt: „Gib uns schützend dein Geleit zur Liebesseligkeit“. Trost spenden sollte ein Glühwürmchen-Singspiel, das Inhaftierte im KZ Theresienstadt für Kinder schrieben. Das englische Wort „Firefly“ taucht als TV-Serie, Modemarke, Autovermietung und Technologie auf, und besungen wird das Tierchen natürlich auch, zum Beispiel von Ed Sheeran. Nahebei gibt es in Wendisch Evern eine Glühwürmchen-Kinderfeuerwehr, und wenn sich Lüneburgs Schlaraffen zu sinnbefreitem Tun treffen, sorgt Ritter Glühwürmchen vom Goldenen Boden dafür, dass der Nonsens korrekt abgewickelt wird.

Zu denen aber, die zum Glühwürmchenmissbrauch beitrugen, gehört der Literatur zufolge der große Naturforscher Alexander von Humboldt. Er soll die Tiere als Leselampe genutzt haben. Auch das nur ein Beispiel von vielen. Faszinieren ließen sich an den beiden Tagen von Phase I nächtliche Wanderer. Sibylle Wickbold führte Glühwürmchensucher in die Kalkbergregion, und gerade am zweiten Abend waren die gut 30 Mitgänger begeistert. „Teilweise streiften sie uns, setzten sich auf Jacken“, berichtet die BUND-Mitstreiterin. Auch Kenner Stefan Ineichen stimmte in das Echo ein: „Neun Stunden Zugfahrt haben sich gelohnt!“