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Bettina Tietjen reiht sich ein in die Reihe prominenter Autoren, die ihre Erfahrungen im Umgang mit dementen Eltern per Buch verarbeiten. Foto: t&w
Bettina Tietjen reiht sich ein in die Reihe prominenter Autoren, die ihre Erfahrungen im Umgang mit dementen Eltern per Buch verarbeiten. Foto: t&w

Humor hilft — Bettina Tietjen liest am Lambertiplatz

oc Lüneburg. Opas oder Omas Vertrottelung ist zum ernst genommenen Krankheitsbild geworden. In der alternden Gesellschaft steigt Demenz zum Dauerthema auf. Wer sich umschaut in der Familie, im Kreis der Bekannten, stößt schnell auf Fälle, in denen die Verzweiflung der Betroffenen zunehmend eine ihres Umfelds wird. Gut, dass die alternde Gesellschaft das Thema aus der Schweigezone geführt hat. Gut, dass es außerhalb geschlossener Kreise präsent ist. Didi Hallervorden hatte „Honig im Kopf“ und damit Erfolg im Kino. Tilman Jens schrieb mit großem Ernst über die Demenz seines Vaters, und nun stellte Bettina Tietjen bei Bücher am Lambertiplatz ihren Umgang mit dem Weg ihres Vaters ins Vergessen vor. Fazit: Humor hilft.

Bettina Tietjen ist TV- und Radiomoderatorin, und wenn sie erzählt, ist sie manchmal kurz davor, sich selbst zu überholen. Sie beherrscht es, komplexe Vorgänge auf den Punkt zu bringen, sie nutzt die Kraft der Pointe. Das ist in ihrem sehr persönlichen Buch „Unter Tränen gelacht“ immer präsent. Tietjen erzählt im Reportageton, wie sie ihren Vater aus seinem angestammten Umfeld in ein Heim nach Hamburg holt. Weiter, wie sie ihn laufend begleitet, wie sie lernt, mit dem Verschwinden des Mannes, der ihr Vater war, umzugehen. Eines Mannes, der sein Lebtag auf Korrektheit gepolt war und darauf, keine Gefühle zu äußern. Nun ist laufend alles anders.

„Manchmal bin ich mir nicht im Klaren darüber, wer ich eigentlich bin“, habe ihr Vater einmal gesagt. Das ist die Schwelle, über die der Weg in die Isolation führt. Bettina Tietjen lässt in Buch und Erzählung Ernst und Sorge nicht aus. Es ist aus ihrem Schreiben und Erzählen schon zu spüren, wie tief sie das Schicksal ihres Vaters erreicht. Aber sie wappnet sich gegen ein Untergangsszenario, sie stellt der Ausweglosigkeit der Situation die Vitalität des Moments entgegen. Tietjen gräbt sich nicht ein ins Vergrübeln, sie bringt sich ein in den Alltag des Heims handeln hilft. Und mindestens so sehr hilft Humor, den Weg des Erkrankten mit einem Stück heiterer Gelassenheit zu begleiten. Das Lachen über Situationen kann eben auch bedeuten, andere Lebenswirklichkeiten zu respektieren oder wenigstens auszuhalten.

Das ist es, was Bettina Tietjen mit ihrem Stück Solidaritätsliteratur vermittelt. Sie bringt keine neuen Erkenntnisse, sie hat kein literarisch wertvolles Werk geschaffen. Sie belehrt nicht, sondern schildert und setzt ihre Prominenz durchaus für sie gewinnbringend ein, um Betroffenen Mut zu machen. Das gelingt und sichert ihr in der ausverkauften Buchhandlung die Sympathie der zu 90 Prozent weiblichen Zuhörer.