Aktuell
Home | Kultur Lokal | Mit Blitz und Donnerschlag – Das Theaterfestival des Vereins Zum Kollektiv war auch vom Wetter nicht zu stoppen
Faust 2, ein multimediales Theaterexperiment, feierte Premiere beim Festival. Foto: t&w
Faust 2, ein multimediales Theaterexperiment, feierte Premiere beim Festival. Foto: t&w

Mit Blitz und Donnerschlag – Das Theaterfestival des Vereins Zum Kollektiv war auch vom Wetter nicht zu stoppen

oc Lüneburg. Es ist spät geworden am Sonnabend. Blitze jagen über den Himmel, Regen wird vom Wind durch die Straßen gepeitscht. „Wir werden spielen“, sagen Gregor Müller, Philip Richert und Mitstreiter. „Sie werden spielen“, sagen die Organisatoren vom Kollektiv, die zum zweiten Mal ein einfach nur wunderbares und charmantes Theaterfestival mitten in die Stadt setzten. Und wie sie spielen werden! „Faust 2“, eine Premiere als rockiges Multimediatheater mit Glockenschlag und blitzdurchfurchtem Himmel als erweiterter Imposanzkulisse. Trotz Unwetter und 60 Minuten Warten war der Rathausgarten voll besetzt.

Man könne locker eine 40-Stunden-Woche mit den Vorbereitungen füllen, sagen mehrere aus dem Festival-Kernteam. Es war nicht so sicher, ob sie sich das nochmal antun. Aber die Resonanz auf das erste Jahr war so, dass die Lust am Engagement denn doch größer war als die Tatsache, dass da noch Klausuren bzw. ein Job zu erledigen sind. Dass es nun eigentlich zu heiß war und dann zu gewitterig, das ist eben so. Das Engagement, die Durchführung, ganz überwiegend das Programm — das verdient ganz großen Respekt!

Zu erleben waren viele Spielarten von Kinder- über Impro- bis Musiktheater, es gab Poetry Slam, Oper, Rock, Jazz, Workshops und Antischlager, auf letzteres haben sich Fokko Wolkenstein spezialisiert. Manche Truppen hatten lange Anfahrten: Aus Tübingen kam das Rohbautheater Kollektiv mit seinem ins Absurde gehenden Kassenschlangestehenstück „Schädelgroßes Königreich“.

Einiges vom Besten aus Lüneburg kam hinzu. Das theater e.novum zeigte seinen frechen Wagner-Zuschnitt „Der Ring. Nibelungen“, die Weltenbummler der Theaterwerkstatt Offenes Atelier spielten ihre Produktion „Nach der Sehnsucht sehen“. Aus dem Theater, das gerade in die Sommerpause ging, kam Philip Richert mit seinem „Discokugel“-Lieblingsliederabend, und dann gibt es eben diesen Goethe-Kracher. „Faust 2“ ist ein Monstrum von Text und Gedankenüberlagerung. Müller/Richert haben einen knapp einstündigen Extrakt geschaffen und knüpfen an die „Faust 1“-Produktion im Theater an. Sie greifen Apekte heraus, immer sind es solche, in denen die Gier nach Macht, nach Reichtum, nach Liebe Thema wird und die Wahl der so gar nicht zimperlichen Mittel auf dem Weg ans vermeintliche Ziel.

Saleh Rozati hat dazu spannende Videostrecken geschaffen und ein Bühnenkonzept. Die Band Heartbeast spielt großartige Sounds und Songs, sodass sich ein Setting und Szenario wie bei einer Robert-Wilson-Rock­oper bildet. Calvin Auer, Till Krüger und Dominik Semrau formieren den Chor des Geschehens, zum Teil in grotesken Masken von Marco Wenzig. Zusammen ergibt das eine vieldimensionale bis überladene Produktion, gern rätselhaft, manchmal von der Musik überstreckt, meistens aber mit einer Sogwirkung, die allein zu Überlegungen führen muss: Wo und wie spielen wir das wieder?

Ob die Kollektivisten aber weitermachen mit dem Festival? Das muss sich zeigen. Einige aus dem guten Dutzend, das sich um alles kümmerte, werden ihr Studium abschließen und die Stadt verlassen. Neue werden — hoffentlich — hinzukommen. Da bei den „Kollektiv“-Programmen das Temporäre eine wichtige Rolle spielt, könnte auch was ganz anderes entstehen. Wäre schade, aber sicher auch schön.