Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Julia Rehfeldt als Alice wird umgeben von Simon Bethge (Carrol) und Clarissa Wirth (Queen of Hearts). Foto: t&w
Julia Rehfeldt als Alice wird umgeben von Simon Bethge (Carrol) und Clarissa Wirth (Queen of Hearts). Foto: t&w

„Alice in Wonderland“: Multimediale Wanderung

hjr Lüneburg. Ein Roman, eine schillernde Hauptfigur, Weltliteratur: Der Brite Lewis Carrol (18321898) schrieb „Alice in Wonderland“ 1865, mitten im ziemlich spießig prüden viktorianischen Zeitalter. Etliche Künstler inspirierte der Stoff, Autoren übersetzten das Werk in zahllose Sprachen, Salvador Dalí gab dem Mädchen mit dem Pinsel surreale Züge, und Sigmar Polke besah die Titelheldin postmodern, 37 Filme nahmen den Faden auf, Bob Wilson und Tom Waits modellierten aus dem Stoff 1992 ein artifizielles Musical, es gibt Theaterstücke, Opern und Ballette, Manga und Comics, John Lennon oder Jazz-Legende Chick Corea gingen dem Bestseller musikalisch auf den Grund. Jetzt setzten 27 Studierende der Leuphana Universität im prallvollen Heine-Haus auf Einladung des Literaturbüros Aspekte der Geschichte in eine multimediale Wanderung um. Eine knallbunte Performance, die neues Interesse für das grandiose Buch weckte.

Initiatorin des Projekts ist Professorin Emer OSullivan. Sie zeigt sich fasziniert von Alice und ihren Abenteuern: „Der Roman verzichtet auf Moral und Didaktik, erstmals in der angelsächsischen Kinderliteratur, mich begeistert die Neugierde und Wachheit der Figur, wie sie skurrile Situationen meistert, Rätsel löst und selbstbewusst durchs Leben geht.“ Diese Leidenschaft übertrug die Dozentin auf die Seminarteilnehmer.

Schon am Eingang begegneten dem Publikum Figuren aus Carrols Fantasy-Hit, der ursprünglich lediglich der Unterhaltung von drei Töchtern einer Freundin diente. Tier-Silhouetten und Spielkarten wiesen den Weg durch die Räumlichkeiten. Im Keller zum Beispiel wurden die dunklen Seiten der Alice ausgelotet, ein Mysterium aus Fragezeichen, Symbolen, Vereisung, dargestellt durch Klang- und Video-Installationen sowie optische Fanale. Im Hof lamentierte Hutmachers muntere Tee-Gesellschaft in prächtigen Kostümen, und in der oberen Etage gestalteten die Vorleserinnen Paula Rieser, Nadine Khoury, Johanna Klein, Lydia Haring, Nuzhat Fatima mit den Musikern Lukas Theidel (Violine) und Lennart Meyer (Gitarre) ein audiovisuelles Hörspiel.

Raupen, Kaninchen, die Edamer Katze, eine Herzogin, die sinistre Herzkönigin, natürlich immer wieder Alice und selbstverständlich auch der edel berockte Autor höchstpersönlich spazierten durch das Heine-Haus, informierten, dekorierten, illustrierten den Abend, der die Besucher ebenso erfreute wie beeindruckte. Der Roman hat bis heute nichts von seiner Wirksamkeit und literarischen Qualität eingebüßt, ist tauglich für interkulturelle Brückenschläge und regt keineswegs nur Kinder an. Schrumpfe und wachse mit Alice: Auch ein Spiel gehörte zum Programm, addiert durch eine Ausstellung über Werkhistorie und Adaptionen.

Mehr ging nicht. Zum 150. Jubiläum der Veröffentlichung von Carrols Bestseller zog die Performance das Publikum in die wundersame Welt des mutigen Mädchens hinein.