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Constantin Göttfert lebt bis August in Lüneburg, ein neuer Roman ist in Arbeit. Foto. ff
Constantin Göttfert lebt bis August in Lüneburg, ein neuer Roman ist in Arbeit. Foto. ff

Constantin Göttfert: Die Spur der Karpatendeutschen

ff Lüneburg. Wenn der Wiener Autor Constantin Göttfert schreiben will, dann geht er am liebsten in ein Café von leicht morbidem Charme so eines, in dem nicht viel los ist, und in dem der Wunsch der Gäste respektiert wird, in Ruhe gelassen zu werden. Klingt wie das alte Klischee vom Künstler, der allein sein will, aber dafür viel Publikum braucht. Aber Constantin Göttfert, Jahrgang 1979, sitzt eben gern an einem Tischchen, um sich Notizen zu machen, Texte zu entwerfen oder zu korrigieren. Bis in den August hinein hat der Wiener jetzt, als Heinrich-Heine-Stipendiat, die Wahl in den Lüneburger Fußgängerzonen.

Jeder hat so seinen eigenen Biorhythmus: Der neue Heine-Haus-Bewohner beginnt gern um 5.30 Uhr, natürlich hat er auch einen Computer, aber so oft wie möglich hält er das Geschriebene in den Händen und bearbeitet es mit dem Stift, den ersten Entwurf einer Geschichte beispielsweise, da ist das Café ideal. Bisher waren die Texte von Constantin Göttfert eher kurz: Erzählungen für Anthologien etwa, und sein vielbeachteter Debütroman „Satus Katze“ (2011), der von der Gegenwart in die finnische Mythologie und wieder zurück führt, ist auch ein schmales Bändchen.

Jetzt liegt „Steiners Geschichte“ vor, ein 500-Seiten-Roman über die Karpatendeutschen. Zu ihnen gehört die Protagonistin Ina Steiner, eine junge Mutter, die sich auf die Spuren ihrer Herkunft begibt, um die Gegenwart zu begreifen und dabei auf allerhand knurrige Menschen mit einem grenzwertigen Demokratieverständnis trifft. Gemeint ist die deutsche Bevölkerung, die im 12. Jahrhundert damit begann, sich in dem Gebiet der heutigen Slowakei anzusiedeln, 1945 vor der Roten Armee fliehen musste, zurückkehrte, erneut vertrieben wurde. Viele von ihnen leben seitdem im Marchfeld, im Grenzgebiet Österreichs zur Slowakei.

Constantin Göttferts eigene Familiengschichte hat damit zu tun. Was macht das mit einem Menschen, wenn seine Vergangenheit aus der offiziellen Geschichtsschreibung getilgt wurde? „Das ging so weit, dass sogar Grabsteine von den Friedhöfen entfernt wurden“, so Göttfert. Alle halten Ina Steiner für verrückt, ihr Schöpfer kann sie verstehen. „Steiners Geschichte“ wurde mittlerweile sogar ins Türkische übersetzt. Generell läuft es nicht schlecht, die Arbeit des Autors wurde unter anderem mit einem Projektstipendium des Bundeskanzleramtes und einem Stipendiat am Literarischen Colloquium Berlin gewürdigt.

Nach Lüneburg wartet eine Stelle als Stadtschreiber im Schwarzwald auf auf den Autor, der gern auf Radtouren geht (zur Ausstattung des Heine-Stipendiums gehört auch ein Drahtesel) und ambitioniert Schach spielt. „Aber es ist schwer, jemanden zu finden, der ungefähr gleich gut oder schlecht spielt“. Und dann ist da noch das Klavier, die große Liebe. Constantin Göttfert hat in Klaviermusik maturiert (hier würde man sagen: sein Abi gebaut), gibt ab und zu Konzerte, begleitet Sänger/innen. Daheim in Wien steht ein E-Piano, „es gibt mittlerweile elektrische Klaviere, die einem akustischen in Klang und Spielgefühl ähnlich sind“. In Lüneburg hat er die Möglichkeit, ein Instrument der Musikschule zu spielen.

Der Autor spricht über das Urbedürfnis des Menschen, Geschichten zu erzählen beziehungsweise zu hören, über Ansätze, ein Theaterstück zu schreiben und über den Weg zwischen Präzision und Pingeligkeit beim Formulieren. Irgendwann ist jetzt das Wichtigste gesagt, gern würde Cons­tantin Göttfert schnell noch auf einen Sprung in die Lüneburger Musikschule. Doch es ist bereits zu spät also ab ins Café gegenüber. Apropos: Die legendäre Arroganz der Wiener Kellner gebe es zur Enttäuschung mancher Touristen kaum noch, „die meisten sind sehr nett“.