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Schönheitssucher: (v.l.) Moderatorin Dr. Anne Schmedding, Oberbürgermeister Ulrich Mädge, Bremens Bausenatorin Prof. Dr. Iris Reuther, Landschaftsplaner Prof.  Hinnerk Wehberg, Architektin Prof. Hilde Leon, Nachhaltigkeits-Professor Daniel Lang und Investoren-Vertreter Hendrik Thomsen. Foto: t&w
Schönheitssucher: (v.l.) Moderatorin Dr. Anne Schmedding, Oberbürgermeister Ulrich Mädge, Bremens Bausenatorin Prof. Dr. Iris Reuther, Landschaftsplaner Prof. Hinnerk Wehberg, Architektin Prof. Hilde Leon, Nachhaltigkeits-Professor Daniel Lang und Investoren-Vertreter Hendrik Thomsen. Foto: t&w

Baukulturgespräch im Museum Lüneburg: Schönheit ist ein weites Feld

oc Lüneburg. Es gibt auf Facebook eine Gruppe namens „Ich liebe Lüneburg“. Sie hat 898 Mitglieder und besteht vorwiegend daraus, dass Bilder der Identifikation mit der schönen Stadt gepostet werden. Viel Architektur, auch mal Details, gern Häuser und Plätze in Morgen-/Abendstimmungen. Aber was ist das eigentlich, die schöne Stadt? „Schön“, das ist ein schnell gesagtes Wort, das erst über seinen Kontext Gehalt bekommt. Zu dem, was eine schöne Stadt denn ist, wie sie geplant und gebaut sein soll, fällt auch Experten nicht gerade Aufregendes ein, wie beim 1. dennoch unterhaltsamen Baukulturgespräch im Museum Lüneburg deutlich wurde.

Es war der erste Abend, den das noch junge Forum Baukultur bot. Das Museum war proppevoll, das Podium mit sieben Gästen auch. Vertreten waren Architekten, Stadt-/Landschaftsplaner, ein Investor, ein Nachhaltigkeitsforscher und Oberbürgermeister Ulrich Mädge. „Schönheit ist ein sehr, sehr weites Feld, ein emotional besetzter Begriff“, sagte eingangs Moderatorin Dr. Anne Schmedding von der Bundesstiftung Baukultur. Der Satz lässt sich nach zwei und einer halben Stunde Gespräch als Fazit wiederaufnehmen. Aber dazwischen gab es schon Aspekte, die erklären, warum es denn so biestig ist mit dem Schönen.

Die Architektin Prof. Hilde Leon erinnerte daran, wie sich der Begriff von dem, was als schön gilt, wandelt. Um die stadtbildprägenden Nanas von Niki de St. Phalle tobte bei ihrer Aufstellung in Hannover in den 70er-Jahren „ein Krieg, heute werden sie geliebt.“ So geht es auch mit Gebäuden, mit Stadtteilen, mit ganzen Städten. Um das neue Lüneburger Museum, um den Libeskind-Bau gab und gibt es heftige Debatten. „Das Audimax wird in zehn Jahren als Schönheit der Stadt gelten“, prognostizierte Mädge.

„Jede Stadt ist schön“, meinte die Bremer Senatsbaudirektorin Prof. Dr. Iris Reuther: „Das Wichtigste ist, dass sie sich selbst schön findet.“ Hamburg-Ottensen zum Beispiel ist städtebaulich nicht gerade schön, die Menschen aber lieben Ottensen, wie Landschaftsplaner Prof. Hinnerk Wehberg deutlich machte. Es liegt also daran, wie Stadt mit Leben gefüllt wird, und Schönheit wird damit ein Begriff, der nicht mehr die Fassade betrifft. „Wir brauchen Identität mit dem Ort“, sagte Prof. Daniel Lang und verknüpfte so sein Forschungsfeld, die Nachhaltigkeit, mit der städtebaulichen Erörterung.

Einig waren sich alle, inklusive Investor Hendrik Thomsen, dass Stadt sich laufend wandelt und wandeln muss. Wie sehr in einem Umfeld von Regelwut und Verhinderungskultur aber Partikularinteressen, meist von Anwohnern eines Projektes, die Gestaltung und Entwicklung von Neuem lähmen, das wurde wiederholt beklagt. „Eine Stadt ist keine Wohlfühloase“, sagte die Bremer Bausenatorin Reuther, verwies auf Kontraste und konkrete Probleme: „Flüchtlinge brauchen ein Dach über dem Kopf.“ Da wird der Kontext von Stadt und Schönheit zu einem Luxusproblem.

Bleibt die schöne alte Stadt. Städte mit erhaltenem historischem Kern sind schön, wenn sie „nicht nur touristische Hülle“ (Hilde Leon) sind. Gebaut wurde das, was heute als Kulturerbe bewahrt und geliebt wird, aber auf den Knochen derer, die dort nicht leben konnten/durften. Bürgerbeteiligung in heutigem Sinn gab es dabei nicht. Daran erinnerte Oberbürgermeister Mädge, und er setzte eines drauf: „Wir haben die Altstadt gerettet, aber zugleich Gentrifizierung betrieben.“ Aus dem Viertel der Arbeiter ist eines der Anwälte, Ärzte, Professoren und Künstler geworden. Den Ärmeren blieben Kaltenmoors Hochhäuser. Kaltenmoor findet auf der von Fotos übersäten Facebook-Seite „Ich liebe Lüneburg“ nicht statt. Das würde Mädge, der auch dort lebt und den Stadtteil schätzt, ändern, aber er verplempert seine Zeit nicht bei Facebook.