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Interview mit Nikolay Azarov, der mit dem Moskauer Kathedralchor in St. Michaelis Lüneburg auftritt

Lüneburg. Der Moskauer Kathedralchor ist eine Institution in Russland. Er setzt sich aus mehr als 50 Sängern der Popov-Chor-Kunst-Akademie zusammen. Beim Schleswig-Holstein Musik Festival interpretiert der Chor unter Leitung von Nikolay Azarov geistliche Werke und Volkslieder am Freitag, 31. Juli, um 20 Uhr in St. Michaelis Lüneburg. Unser Mitarbeiter Andreas Guballa sprach mit dem Dirigenten Nikolay Azarov.

Warum hat der Chorgesang in Russland eine so lange Tradition?
Azarov: Die Russen können auf eine jahrtausendealte Tradition zurückblicken. Das speist sich zum einen aus alter ostslawischer Gesangstradition, zum anderen aus dem byzantinischen Erbe. Im oströmischen Kirchenritus sollten die Chöre die Gegenwart und Macht Gottes auf Erden erfahrbar machen. Außerdem erlaubt die russisch-orthodoxe Kirche im Gottesdienst keine Instrumente, weshalb der Stimme besondere Bedeutung zukommt. In der Zarenzeit wurden diese Chor­tra­ditionen weiter gepflegt. Die byzantinischen Gesänge wurden jahrelang von einfachen russischen Menschen gesungen und haben heute den Stellenwert russischer Volkslieder. Oder einfach gesagt: Wir singen einfach gerne.

Woher stammen die Sänger des Moskauer Kathedralchors?
Azarov: Der Chor besteht aus Studenten und Absolventen der Moskauer Chor-Kunst-Akademie. Die Akademie ist sowohl Musikhochschule als auch allgemeinbildende Schule ähnlich wie bei den Leipziger Sängerknaben. Sie beherbergt die elfjährige Grund- und Mittelstufe für circa 140 Knaben und fünfjährige Studiengänge für rund hundert junge Männer und Frauen. Neben dem allgemeinen Unterricht und dem Fachunterricht stellt die Konzerttätigkeit eine der Säulen einer vollwertigen Musikerausbildung dar. Es ist eine sehr strenge Ausbildung, die die Studenten auf eine Karriere als Profimusiker vorbereitet. Deshalb haben unsere Absolventen auch keine Probleme auf dem Arbeitsmarkt.

Was erwartet das Publikum bei Ihrem Konzert?
Azarov: Im ersten Teil singen wir Tschaikowskys 1878 entstandene „Chrysostomos-Liturgie“ eine Folge von Gesängen für gemischten A-cappella-Chor, die jeweils auf Gebete oder Fürbitten des Priesters antworten. Tschaikowsky gelang es, die Liturgie in einen vierstimmigen Satz zu gießen, der mit den byzantischen Melodien eine neue Einheit bildet. Mit seinen Messgesängen erweckte Tschaikowsky das viele Jahrhunderte alte, aber leicht erstarrte Erbe der russisch-orthodoxen Kirchenmusik zu neuem Leben. Im zweiten Teil des Konzerts geht es weltlicher zu mit klassischer russischer Musik und beliebten Volksliedern.

Tschaikowsky konnte mit den Dogmen der Kirche nicht viel anfangen, ließ sich aber von den religiösen Ritualen im „Innersten rühren“. Denken Sie, diese religiöse Emotionalität spricht heute noch Menschen an, die mit Religion nichts zu tun haben?
Azarov: Tschaikowskys Werk atmet zwar den Geist des alten russischen Kirchengesangs, weist aber mit seiner Klangsprache in die Zukunft. Und auch wenn wir heute in einer Kirche singen, feiern wir keinen Gottesdienst, sondern gestalten ein Konzert. Jeder Zuhörer kann sich auf die Spiritualität, die kraftvolle Tongebung und die enorme Ausdrucksintensität einlassen. Das Werk entfaltet eine unmittelbare Wirkung.

Ist das Ihr erster Auftritt beim Schleswig-Holstein Musik Festival?
Azarov: Wir haben das letzte Mal vor 25 Jahren mit unserem Knabenchor beim Festival gesungen, als es noch von Justus Frantz geleitet wurde. Die Sänger von damals sind dem Chor längst entwachsen, daher ist es sozusagen der erste Auftritt.