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Carolin Widmann will mehr Zeit für Kind und Karriere, die 2012 übernommene Festivalplanung gibt sie wieder ab. Foto: tj
Carolin Widmann will mehr Zeit für Kind und Karriere, die 2012 übernommene Festivalplanung gibt sie wieder ab. Foto: tj

Immer einen Takt voraus – Hitzacker feiert seine 70. Sommerlichen Musiktage

oc Hitzacker. Das Fest beginnt, das Licht geht aus. Die 70. Sommerlichen Musiktage Hitzacker starten mit einem Film. Ulrike Brenning führt zurück zu den frühen Tagen des ältesten deutschen Kammermusikfestivals, verwebt sie mit der Gegenwart und mit der Zukunft. Eine schöne Einstimmung für „Das Fest“, so lautet das Motto der Sommerlichen 2015. Es ist ein Fest des langen Lebens, eines der Blüte und eines des Abschieds. Carolin Widmann, die künstlerische Leiterin, geht, und Lina Anne Engelhardt als Vorsitzende des Trägervereins ebenfalls. Doch diesen Sommer, den prägen sie noch.

Carolin Widmann hat für ihr Finale groß eingeladen, schon am ersten Wochenende. Altmeister Heinz Holliger (76) brachte sich als Oboist, Dirigent und Komponist ein. Der von der Forberg-Schneider-Stiftung gestiftete, mit 20000 Euro dotierte Belmont-Preis für zeitgenössische Musik ging gestern früh an eine Vertreterin der nächsten Generation, die Serbin Milica Djordjevic. Den Preis hatte auch Carolin Widmann in Hitzacker bekommen. Das war 2004, was auch zeigt, wie oft und auf wie vielen Wegen sich Verbundenheit zwischen Musikern und dem Standort Hitzacker zeigt.

Das Zeitgenössische, Herausfordernde war und ist immer ein Teil des Festivals. Das „Fest“ beginnt aber mit Barockmusik, was behäbig und gefällig werden könnte. Gefällig wird es, aber auf was für einem Niveau! Der Schweizer Blockflötist Maurice Steger, geboren 1971, zeigt, dass es nicht um Hintergrund- und Tischmusik für bessere Kreise ging, sondern um Entertainment, um Tempo, um Artistik, um Dramatisierung, um Gefühl und auch um Humor. Steger besitzt nicht nur eine perfekte Technik, er tanzt seine Musik, federt bei atemraubenden Läufen in den Knien, durchmisst irrwitzige Verzierungen mit provozierender Lockerheit, er setzt effektvolle Pausen mit angerissenen Tönen und findet noch Zeit, ein bisschen Mimik ins Spiel zu bringen. Steger scheint den Noten auf dem Blatt vor ihm — nicht nur im Kopf — immer einen Takt voraus zu sein.

Dazu spielt Naoki Kitaya am Cembalo seinen Part mit natürlich gleicher Rasanz, dazu aber mit einer scheinbaren Gelassenheit, als sei das alles locker aus dem Handgelenk zu schütteln. Er setzt jeden Akkord, jeden Lauf punktgenau, es gibt ein blindes Verständnis zwischen dem vielfach ausgezeichneten Duo. Kitaya beweist sich zudem solistisch mit Händel-Transkriptionen als klug gliedernder Gestalter.

Steger besitzt empfindliche Instrumente. „Wenn die Flöte zickig wird, weiß ich, dass zwei Stunden später ein Gewitter kommt. So war es heute auch“, sagt er, aber zickig klingen seine Flöten nicht. Steger überbrückt plaudernd eine ungewollte Pause, denn Geigerin Carolin Widmann muss eine neue Saite aufziehen und einspielen, damit sie dann gemeinsam ein Telemann-Trio zum krönenden Beschluss gestalten können.

Das Publikum im vollen Saal reagiert begeistert. Fast alle. Es ließe sich auch etwas über den Konzertschlaf der Ü60-Zuhörer schreiben, der schon am Nachmittag einige befiel. Und beim Rausgehen knurrt ein alter Herr: „Zu viel Technik. Zu viel Gekasper.“ Kann man ja so sehen, so hören. Ein Maurice Steger aber, der kann Generationen mitreißen, die dem Konzertsaal längst verloren gegangen sind. Man muss sie nur erst einmal hineinbekommen.