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Hamlet (Mike Schlünzen) ist in Mordsstimmung, seine Mutter (Susanne Elisabeth Walbaum) kann ihn nicht aufhalten. Foto: t&w
Hamlet (Mike Schlünzen) ist in Mordsstimmung, seine Mutter (Susanne Elisabeth Walbaum) kann ihn nicht aufhalten. Foto: t&w

Der Mensch ist leider nicht gut — Wettenbostel zeigt Hamlet

Wettenbostel. Wer sich in den vergangenen Jahren auf den Weg hinaus in die Wolfsregion Wettenbostel machte, der kam schon in Transsilvanien an und in Illyrien, er landete in Venedig und Marseille, und nun fällt dort der Satz, dass etwas faul ist im Staate Dänemark. Und nicht nur da, wie das Jahrmarkttheater in diesem „Hamlet“-Sommer lehrt. Hatte das Team um Thomas Matschoß im Sommer 2014 eine Revue der Weltrettungsideen auf die Wiese geschickt, so zeigt es nun den Untergang des Menschlichen in einer Tragödie voller Gewalt, die sich aus Gewalt nährt. „hamlet ein mordspiel“ feiert unter sturmzerzaustem Shakespeare-Himmel Premiere in Wettenfrostel.

Thomas Matschoß, Autor, Regisseur und Mitspieler, bleibt in seiner griffigen, stimmigen Fassung nah an der Vorlage. Er legt den Kern des Stücks frei, schneidet Nebenstränge ab, stellt um, fügt hinzu, pointiert die Aussage. Horatio (Manuel Ettelt), der besonnene Freund von Hamlet (Mike Schlünzen), transportiert die Botschaft, die Matschoß ans Ende rückt und in der er bzw. Shakespeare die Frage stellt, was der Mensch da eigentlich aus seinen Fähigkeiten macht. Ettelt und Schlünzen, Maika Viehstädt als Ophelia und Peter Neutzling als Laertes, sie spielen junge Menschen, die einen Weg ins Lieben und Leben suchen, die idealistisch sind, aber auch sehr gefährdet. Alt ist nur das Stück.

Wenn Horatio sein Fazit zieht, ist es voll geworden nebenan im Dämmerlicht auf der Weide, die zum Totenreich wurde. Lange wartete dort der rachedurstige Geist von Hamlets Vater, dem Dänenkönig. Ihn mordete der Bruder (Andreas Furcht), um Krone und Königin (Susanne Elisabeth Walbaum) an sich zu reißen. Es ist Horatio, der die Tat entdeckt und Hamlet einweiht. Nun nehmen Rache, Wahn und Mord einen blutigen Lauf, der wie ein Strudel sich immer schneller dreht und alle mit sich reißt.

Thomas Matschoß und Ausstatterin Anja Imig wollen mit ihrem seit acht Jahren bestehenden Sommertheater keine Erwartungen bedienen. Sie erfinden das Open-Air-Theater auf dem Hof von Maria Krewet in jedem Jahr neu und halten es dadurch lebendig. Immer bleibt das Spiel aber näher am Volks- als am psychologischen oder Regietheater. Dieser „Hamlet“ mit seinem Sog ins Verderben ist in jedem Moment nachvollziehbar, er ist ernst, aber von sarkastischen, urkomischen Szenen durchzogen und bekommt durch die Musik von Markus Voigt eine Menge unheilvoller Atmosphäre mit auf den Weg.
Sie haben ein Segelboot auf die Pferdewiese gestellt, ein eigentümlich graues Ding, das nun als Bühne dient. Das Publikum sitzt ums Boot herum, wechselt von Steuer- auf Backbord. Das düstere Schiff mit seinen Schrägen ist eine tückische Spielfläche, und wenn Maika Viehstädt als todesdurstige Ophelia den Mast hinaufklettert, hält das Publikum den Atem an. Matschoß fordert viel von seinen Akteuren und gibt ihnen zugleich Raum. Die Theatermittel dürfen sichtbar sein. Es nimmt der Tragödie nicht den Ernst, wenn sich die Spieler beim Morden das Theaterblut anreichen. Es fließt nicht zu knapp, vor allem wenn sich Hamlet und Laertes an die Kehle gehen.

Jahrmarkttheater, das ist immer Teamarbeit. Martin Skoda als besorgter, unterwürfiger Polonius und Herbert Imig in einer Totengräber-Einlage setzen komödiantische Akzente, Anna Sinkemat und Leon-Silas Gärtner (Rosenkranz/Güldenstern) dazu noch musikalische.

Es ist frisch an diesem Premierenabend, der Wind zerrt an Vorhang und Kostümen. So war es auch in den Tagen zuvor und nass dazu, es waren die kältesten Proben, denen sich Spieler und Team bisher in Wettenbostel stellen mussten. Sie haben trotzdem einen bitter wahren, spannenden und zugleich poetischen Abend geschaffen. Sie spielen „hamlet ein mordspiel“ bis Ende August, immer am Wochenende.
Hans-Martin Koch