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Hajo Fouquet im leeren Theatersaal. Die Klima-Einbauten sind gemacht, in dieser Woche kommen die neuen Sitze. Foto: t&w
Hajo Fouquet im leeren Theatersaal. Die Klima-Einbauten sind gemacht, in dieser Woche kommen die neuen Sitze. Foto: t&w

Fouquet: „Gehandelt werden muss heute“

oc Lüneburg. Es ist Sommer, die Schulen sind noch zu, die Theaterferien aber vorbei, es wird wieder geprobt. Intendant Hajo Fouquet und seine Frau Natascha waren in der Toscana, nun geht es um „Fidelio“, seine erste Inszenierung, und als Intendant immer auch ums große Ganze. Gute Gelegenheit also, bevor es am 19. September mit der Opernpremiere so richtig losgeht, ihm auf den Zahn zu fühlen.

Waren Sie im Urlaub auch im Theater?
Fouquet: (lacht) Großes Nein.

Lesen Sie im Urlaub Ihre Mails?
Fouquet: Nur in großen Abständen, garantiert nicht täglich.

Aber bestimmt etwas zu „Fidelio“, Ihrer ersten Inszenierung!?
Fouquet: Ich schiebe die Arbeit im Urlaub wirklich so weit weg wie möglich. Aber natürlich arbeitet sie im Hintergrund. „Fidelio“ kenne ich sehr gut, es gären da auch im Urlaub Ideen, aber ich würde es nicht Arbeit nennen. Im Urlaub habe ich zur Entspannung Krimis gelesen und in Reiseführern geblättert.

Hajo Fouquet würde jetzt sicher mehr zu seiner „Fidelio“-Konzeption sagen; wir könnten uns auch wunderbar über kleine Restaurants in toscanischen Dörfern unterhalten. Wenn nur nicht die Probleme mit dem Geld wären, die das Theater bedrohen. Da muss nachgefragt sein.

Was muss sich eigentlich bewegen, damit die von Jahr zu Jahr wachsenden Existenzsorgen weichen?
Fouquet: Wir als Theater haben uns aktiv wirklich in intensivster Form bewegt. Wirklich alle wissen: Wir sind am Ende unserer Spar-Erfindungen. Bewegen muss sich etwas im politischen Raum. Da gucke ich zuerst nach Hannover.

Fühlen Sie sich von der Landesregierung im Stich gelassen?
Fouquet: Nein, das nicht. Aber dass etwas passieren muss, weiß jeder, darüber sind sich alle einig. Wir sind sechs kommunale Theater, die mehr brauchen als die Verstetigung des jetzigen Etats. Wir würden natürlich gern die gewünschte Summe, also 2,5 Millionen Euro insgesamt für alle, in einem Stück haben, aber wenigstens müssen Schritte in die Richtung kommen. Es braucht nur denjenigen bzw. diejenige, die den Startschuss gibt.

Wie lange geht es denn noch gut, wenn sich nichts ändert?
Fouquet: Wir kommen ab jetzt in ein Minus, sind aktuell zwar nicht bedroht, aber wir müssen kämpfen, es geht ja immer nur darum, nicht noch kleiner zu werden, dann bräche unser System zusammen — wir müssen den Status Quo halten können. Die größte Gefahr ist das Hinausschieben, dadurch entsteht ein Minus und das ist am Tag X so groß, dass es maximal zu einer einmaligen Entschuldung kommt, aber nichts erreicht ist. Wer kann dann noch den deutlichen jährlichen Mehrbedarf schultern, wenn er gerade viel Geld für eine Entschuldung in die Hand genommen hat!? Heute muss gehandelt werden — verschiebt man das auf morgen, wird es schmerzhafte Folgen haben. Es darf also dazu gar nicht erst kommen. Wie lange es so noch geht? Allzu lange sicher nicht.

Der finanzielle Spielraum der Stadt wird durch aktuelle Probleme (Flüchtlinge, Kita) geringer. Spüren Sie das?
Fouquet: Die Stadt hat für unsere Problemlage großes Verständnis. Wir sind als Theater heute ja eine Einrichtung, die als Dienstleister für kulturelle und soziale Infrastruktur sorgt. Wir arbeiten für und mit allen Generationen, planen nachhaltige Projekte mit Flüchtlingen, dafür muss aber unsere Basis stimmen. Das ist auch der Stadt bewusst.

Nun kommen auch noch die 750 000 Euro teuren Brandschutzmaßnahmen hinzu.
Fouquet: Das Thema ist in früheren Jahren, sagen wir mal, defensiv behandelt worden. Daran führt nun kein Weg mehr vorbei. Wir hoffen auf Zuschüsse, können aber auch einen 20-Jahre-Kredit aufnehmen. Der wäre nicht schön, aber an ihm werden wir nicht sterben.

Jetzt werden wir wenigstens einmal grundsätzlich.

Glauben Sie, dass sich das deutsche Theatersystem in seiner Vielfalt auf lange Sicht halten kann?
Fouquet: Ich denke: Ja. Theater sprechen so viele Menschen an, der Bedarf ist da. Theater bieten Orte, Themen, Begleitung in ganz vielen Lebensbereichen, sie bieten einfach eine nicht wegdenkbare kulturelle Infrastruktur.

Und in Lüneburg?
Fouquet: Ohne das Theater hätten wir in Lüneburg doch einen kulturellen und zum Teil auch sozialen GAU. Was wir machen, kann doch nicht anders aufgefangen werden. Das Theater am Ort trägt mit dazu bei, dass Lüneburg eine wachsende Stadt ist. Im Übrigen: Die EU-Mittel für das T.3 und die laufende Sanierung sind daran gebunden, dass mindestens zehn Jahre Theater gespielt wird.

Zoomen wir zurück ins Hier und Heute. Trotz aller Sorgen wird im Theater viel gebaut, nicht nur im energetischen Bereich.

Sind die neue roten Sitze da?
Fouquet: Sie kommen in dieser Woche.

Und sind die Arbeiten im Plan?
Fouquet: Noch haben wir sogar eine Reserve im Zeit- und Finanzplan. Wir sind übrigens auch bei der letzten Maßnahme fast zehn Prozent unter der Kalkulation geblieben — und das bei einem öffentlichen Bauvorhaben. Es geht doch! Und dann noch die besten Besucherzahlen seit mindestens 2001 — das kann doch keine schlechte Vorlage für die Politik sein!

Worüber haben Sie sich an Ihrem ersten Tag nach den Ferien eigentlich am meisten gefreut?
Fouquet: Über die Menschen, die ich wiedergetroffen habe.

Da sind auch Neue im Team.
Fouquet: Ja, zum Beispiel zwei Tänzer, der Tenor Timo Rößner und der neue 1. Kapellmeister Robin Davis, er kommt vom Staatstheater Oldenburg.

Die Theaterkasse öffnet wieder. Was wird zuerst ausverkauft sein?
Fouquet: Die Klassiker, also die Gala zum Theaterfest am 6. September, die Silvestervorstellung, das wird „Kiss me, Kate“, und das Neujahrskonzert.

Los aber geht es in gut einem Monat mit Beethovens Oper „Fidelio“. Was hat Sie zu dem Werk geführt?
Fouquet: Es ist ein ideales Stück für unser Ensemble, und es bietet Gelegenheit, viel über Wünsche, Träume, Utopien und Realitäten des Lebens zu erzählen. Wir, also Dirigent Thomas Dorsch, Ausstatter Stefan Rieckhoff und ich, haben eine ungewöhnliche Idee für die Realisierung, die zu erarbeiten sehr viel Freude bereitet. Aber darüber verraten wir jetzt noch nichts.

Zum Schluss muss der Intendant doch mal das Spielzeitmotto erklären: „Das. jetzt. alles“.

Fouquet: (lacht) Das muss eigentlich mein Stellvertreter und Chefdramaturg Friedrich von Mansberg machen. Das Motto kommt aus der Dramaturgie. Aber ich sehe es mal so: So ist es jetzt, und wir machen, was geht. Wir lassen uns nicht kleinkriegen. Wir sind positiv und — mit einem Lächeln — ein bisschen trotzig.