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Der Filmkomponist Jan Morgenstern im Studio. Hier werden Film, Musik und die Geräusche punktgenau in Einklang gebracht. Foto: nh
Der Filmkomponist Jan Morgenstern im Studio. Hier werden Film, Musik und die Geräusche punktgenau in Einklang gebracht. Foto: nh

Eine Sinfonie für die kleine Ziege

ff Lüneburg. Der Animationsfilm ist nur etwa zehn Minuten lang — dennoch hat ein internationales Team mehr als ein Jahr daran gearbeitet. „Geitekillingen som kunne telle til ti“, das ist die Geschichte von der kleinen Ziege, die es gelernt hat, bis zehn zu zählen, und damit den anderen Tieren ziemlich auf die Nerven geht. Dafür ist der norwegische Film eine Kostbarkeit, er wurde Bild für Bild von Hand gezeichnet, Figuren wie Kulissen, ganz im Stil traditioneller Walt-Disney-Trickfilme also. Und noch etwas verweist auf die legendäre US-Traumfabrik: Die Musik entspricht den stilbildenden Silly Symphonys von Walt Disney, diesmal aber made in germany: Komponiert und eingespielt hat sie der Lüneburger Jan Morgenstern.

Der Film entsteht in der Federführung des norwegischen Regisseurs und Animators Hans-Jørgen Sandnes. „Mit ihm arbeite ich bereits seit Jahren zusammen, und Geitekillingen ist unser bislang aufwändigstes Projekt“, erzählt Jan Morgenstern. Die Erzählung stammt von Alf Prøysen, „seine Geschichten, Lieder, Märchen und Hörspiele aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben ihm im norwegischen Kollektivbewusstsein einen Stellenwert verschafft, der dem Astrid Lindgrens in Schweden entspricht“.

Prøysen ist das Kind einer verarmten ländlichen Unterschicht, sie taucht in seinen Werken immer wieder auf. Die Geschichte von der schlauen kleinen Ziege lasse sich auch, so Morgenstern, „als bissige Parabel darüber verstehen, wie eine konservative Gesellschaft mit neuen Ideen umgeht.“ Den anderen Tieren auf dem Bauernhof ist die neue Fähigkeiten ganz und gar nicht geheuer, sie reagieren aus Unsicherheit aggressiv. Die Ziege muss flüchten, die Verfolgungsjagd nimmt Fahrt auf und führt auf ein Flussboot. Dort bricht prompt eine Panik aus, die das Schiff gefährlich ins Schwanken bringt.

Für einen Filmkomponisten ist so eine Entwicklung natürlich eine Steilvorlage: Ein eingängiges Hauptthema begleitet die kleine Ziege und steigert sich im Verlauf der Geschichte zu einer furiosen Jagdsequenz, die punktgenau mit den Bewegungen der Akteure harmoniert. Als Silly Symphonys wird eine Serie von Disney-Kurzfilmen aus den 30er-Jahren bezeichnet, in der aufwändig gestaltete Orchestermusik die Handlung illustriert und genau ihrer Dynamik folgt — beziehungsweise umgekehrt die Bewegungen präzise auf die Musik choreographiert werden. Donald Duck hatte hier übrigens sein Filmdebüt. Die Musik für Norwegen entstand, wie auch alle anderen Geräusche, in Jan Morgensterns Ein-Mann-Studio. Und: Für die Erzählertonspur wurde der Originalmitschnitt einer Radiosendung von Alf Prøysen aus den 1950er-Jahren restauriert und auf den Film angepasst.

Die Produktion wurde von der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt NRK in Auftrag gegeben und ist für das norwegische Fernsehen bestimmt, er soll auf Festivals gezeigt werden, auf DVD erhältlich sein. Später ist dann geplant, mit synchronisierten Versionen auch ein internationales Publikum zu erreichen. Bis Jan Morgenstern sein Werk in der Scala erleben kann, wird die Ziege wohl noch recht weit zählen müssen.