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Eine gut gelaunte Bettina Born gestaltete das Freitag-Nacht-Konzert am Nachmittag des Sonnabends. Foto: ff
Eine gut gelaunte Bettina Born gestaltete das Freitag-Nacht-Konzert am Nachmittag des Sonnabends. Foto: ff

Tatort und ein Schluck Beaujolais

ff Amelinghausen. Manchmal liegt Lüneburg außerhalb von Niedersachsen — immer dann, wenn die Stadt im Konzertprogramm des Schleswig-Holstein Musik Festivals steht. Und wenn in Amelinghausen der Freitagabend an einem Sonnabend-Nachmittag stattfindet, dann ist das ebenfalls einer Konzertreihe geschuldet.

Das vorletzte Konzert der Freitag-Nacht-Reihe 2015 in der Hippolit-Kirche fiel auf das Wochenende des Heideblütenfestes, es hätte sich mit der Wahl des Heidebocks in Grätsch`s Gasthaus nebenan überschnitten — vielleicht nicht unbedingt, was das Publikum angeht, aber die Geräusche hätten sich schwer in Einklang bringen lassen. Also hat Organisatorin Lisa Wulfes-Lange eben umdisponiert.

Es wäre auch schade gewesen. Denn die Akkordeonistin Bettina Born bot mit ihrem Solo-Programm „Tango & Musette“ einen Reigen fein strukturierter Eigenkompositionen. Das Akkordeon, obwohl längst fest in der modernen Klassik verankert, wird wohl gemeinhin noch in erster Linie mit Shanties assoziiert. Doch statt „rolling home“ näherte sich die in Thüringen lebende Künstlerin eher der Aufgabe des Bandoneons. Blick auf Argentinien und Frankreich (eine Musette ist ein schneller franzöischer Walzer) also, gerader Rhythmus hier, ungerade Takte dort.

Beides verwob Bettina Born in ihrer Ouvertüre, die ausgerechnet „Happy End“ heißt. Und wie bei einer klassischen Opern-Eröffnung bot auch die Akkordeonistin hier einen Ausblick auf das, was noch folgen sollte. Doch während das Happy End noch ausgesprochen komplex in seinen einander widerstreitenden Strukturen klang, wirkten die anderen Kompositionen deutlich gefälliger, durchschaubarer, nachspielbarer (man kann sie als Notenhefte kaufen), ohne dabei ins Triviale abzugleiten.

„Tango macho“ zum Beispiel: „Männer übertreiben es bei den argentinischen Tänzen manchmal“, erzählte Bettina Born fröhlich, „sie wollen unbedingt komplizierte Schritte und Figuren führen“. Also hat sie etwas dagegen gesetzt. „Auf der Flucht“ ist ein virtuoses Stück, es widmet sich den Sonntagabenden ab 20.15 Uhr — wenn „Tatort“ mit der unverzichtbaren Verfolgungsjagd läuft. „Beaujolais Primeur“ erklingt natürlich in schwer angeheiterter Stimmung, die „Musette adrett“ folgt eher der Tradition, und „Luna llena“ preist den Vollmond, das spricht sich aus wie „Luna Jena“, weshalb gleichzeitig ein romantischer Abend auf der Terrasse der Musikerin daheim gemeint ist.

Ach, die Melancholie. Kein Instrument kann — technikbedingt — so schön seufzen, Bettina Born lässt es fabulieren, tanzen, schmachten, packt ein bisschen Selbstironie hinein, und immer klingt es ein klein wenig altmodisch, nach vergangenen Tagen. Kein Wunder, dass die Künstlerin, die als Musikerin und Komponistin mit vielen Orchestern zusammenarbeitet, sich auch dem Puppentheater Magdeburg widmet.

Wie auch immer: Langer, herzlicher Applaus in der gutbesuchten Kirche, eine Zugabe natürlich. Das letzte Konzert der Freitag-Nacht-Reihe 2015 erklingt zu gewohnter Zeit, am 4. September, 21 Uhr. Unter dem Titel „Ausgemerzt“ präsentieren Hans-Werner Kühl (Gesang und Text) und Rainer Lankau (Klavier) die Werke jüdischer Cabarét-Künstler zwischen den Weltkriegen.