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Cornelia Woitun präsentiert einen fertigen Teller, er brauchte insgesamt zehn Tage Zeit. Foto: ff
Cornelia Woitun präsentiert einen fertigen Teller, er brauchte insgesamt zehn Tage Zeit. Foto: ff

Am Anfang muss es schnell gehen

ff Betzendorf. Lautes Klatschen dringt aus dem geöffneten Fenster des alten Fachwerkhauses. Was geht da drinnen vor? Cornelia Woitun steht in ihrer Werkstatt, schneidet einen weichen grauen Klumpen auseinander, schlägt die beiden Stücke wieder und wieder gegeneinander und walkt das Ganze durch. Das sieht ein bisschen aus wie bei einem Bäcker, ist aber Steinzeug-Ton aus dem Wesergebirge. Mit dem „Durchschlagen“ sollen sich die weichen und härteren Zonen der Masse mischen, damit die Töpferin eine möglichst homogene Substanz für die Drehscheibe bekommt, für Kannen, Teller und Tassen, oder auch für skurrile Fantasy-Wesen. Eine Auswahl zeigt Cornelia Woitun auf der „FormArt“ ab 4. September in der KulturBäckerei.

Der erste Arbeitsschritt geht schnell: In nur ein paar Minuten hat Cornelia Woitun mit der Drehscheibe den nassen Ton zu einer kleinen Vase hochgezogen. Das muss auch schnell gehen, sonst sackt die Masse wieder in sich zusammen. Bis die Vase mit Blumen bestückt werden kann, vergehen aber noch mindestens sieben, besser zehn Tage. Ist die Substanz „lederhart“, kann sie weiter verarbeitet werden — Henkel ankleben, Glasuren für innen (glänzend) und außen (matt) auftragen, und so fort. Zwei Mal muss die Keramik für acht Stunden in den Ofen (mit bis zu 950 bzw. 1250 Grad), um danach anderthalb Tage abzukühlen, dazwischen wird die Keramik bemalt.

Die richtige Feuchtigkeit, die richtige Temperatur zum richtigen Zeitpunkt — all das muss die Töpferin immer im Blick haben, wenn sie keine Scherben produzieren will. „Beim Trocknen schwindet die Masse um 10 bis 12 Prozent“, so Cornelia Woitun, „aber Glasur und Ton ziehen sich unterschiedlich zusammen“, auch das will berechnet sein, und vor allem in früheren Tagen gab es „beim Öffnen des Ofens schon mal Herzklopfen“. Geht alles gut, ist die Ware robust: „Mikrowelle oder Spülmaschine — kein Problem“.

Eigentlich wollte Cornelia Woitun Theologin werden, entschied sich nach dem Praktikum in einer Töpferei anders. Aber wo lernen? „Ich bin durch ganz Deutschland getingelt, um eine Lehrstelle zu finden.“ In St. Peter Ording wurde sie fündig, beließ es beim Gesellen-Abschluss, denn inzwischen war es nicht mehr Vorschrift, den Meister zu machen, um einen Betrieb eröffnen zu dürfen. Stattdessem absolvierte sie die Zusatzausbildung „Gestalten im Handwerk“, die Ähnlichkeit mit einem Kunst-Studium hat. Besonders reizvoll findet Cornelia Woitun Architekturen von Art Deco und Bauhaus, deren Elemente finden sich auch auf ihren Keramiken.

Zunächst arbeitete Cornelia Woitun in Hamburg, war unter anderem neun Jahre lang Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft des Kunsthandwerks. Vor elf Jahren zog die Keramikerin — „wegen der Weite der Landschaft“ — aus der Großstadt nach Betzendorf, in ein Fachwerkhaus, das wiederum 1770 in Neuhaus erbaut wurde.

2 Weil das Theater renoviert wird, zieht die FormArt zum 60-jährigen Jubiläum der Arbeitsgemeinschaft Angewandte Kunst Lüneburg in die KulturBäckerei. Dort stellen am 4. September (17 bis 20 Uhr) sowie am 5. und 6. September (11 bis 18 Uhr) 15 Kunsthandwerker/innen aus dem Raum Lüneburg und 15 Gäste aus.