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Felix Meyer, hier mit dem Gitarristen Olaf Niebuhr und Tastenmann Johannes Bigge. Foto: t&w
Felix Meyer, hier mit dem Gitarristen Olaf Niebuhr und Tastenmann Johannes Bigge. Foto: t&w

Liedertest im T.NT

oc Lüneburg. Wenn der Liedersänger Felix Meyer sagt, dass es jetzt gerade so richtig aufregend für ihn ist, dann wirkt er eigentlich noch immer recht entspannt. Jedenfalls im Vergleich zu einer Felix-Fan-Frauenriege, die sich vor lauter Selbstbeschnatterung noch bekichert, als die ersten Lieder laufen, und die sind eigentlich von der leisen Art. Was Felix Meyer aber so spannend findet bei seinen vier Konzerten in drei Tagen im Lüneburger T.NT, ist ein Experiment: Meyer und Band testen neue Lieder vor Publikum, bevor sie kommende Woche ins Studio gehen.

Der noch bis Dezember 39-Jährige hat eine Straßenmusiker-Bilderbuchkarriere hingelegt. Meyer tingelte mit dem Gitarristen Erik Manouz und immer öfter mit ganzer Band durch Europa. Lüneburg nimmt dabei eine besondere Position ein, hier sang er so oft wie an kaum einem anderen Ort. Hier holte ihn Peter Hoffmann von der Straße ins Studio, empfahl ihn dann weiter an den Kollegen Franz Plasa, mit dem Felix Meyer und Band mehrere Alben aufnahmen. Mittlerweile drehte arte ein Porträt über den Sänger, er wird bundesweit wahrgenommen, und doch zieht es ihn immer wieder auf die Straße und in die kleinen Clubs.

Bewusst hatte Meyer, der im März noch im ausverkauften Kulturforum auftrat, einen Konzertort für rund 100 Besucher gesucht. In nahezu familiärem Rahmen lässt sich besser spüren, was wie ankommt. Drei Konzerte setzte Meyer im T.NT unter dem Motto „Alles neu plus Zugaben“ an, sie waren schnell ausgebucht. Für ein nachgereichtes viertes gab es noch Restkarten.

Globus, Koffer, Bilder an der Wand, Strickjacke überm Stuhl und jede Menge Instrumente, das T.NT wird zum Musizierzimmer. Und es wird ein langer Abend, denn es gibt viele neue Lieder. Die „Zugaben“ füllen zudem einen zweiten Konzertteil mit einer Art „Best Of“ — schön für die gar nicht so wenigen Textsicheren im Publikum, das sind alles Frauen. Felix Meyer genießt da so eine Art Popstar-Status, aber er bleibt dem Chanson und dem Lied treu, er wird keiner von den verwechselbaren Oerdings.

Meyers Texte bewegen sich zwischen Poesie und Politik, zwischen Melancholie und Sehnsucht, es kommt aber auch etwas mehr Zorn hinzu. Zorn über eine Welt, die das Mitmenschliche aus den Augen verliert. Meyer formuliert seine Texte immer offen, zwischen ersten Lieben und letzten Tänzen breitet sich Raum für das Assoziieren und Hineinfühlen aus. Dass mal ein Kalauer wie „Gelegenheit macht Liebe“ reinrutscht — geschenkt! Und außerdem muss der erst noch beim Produzenten bestehen.

Die neuen Lieder spreizen, wenn der Schein nicht trügt, das musikalische Spektrum noch ein wenig auf, etwas mehr Pathos und Athmo-Sounds auf der einen Seite, etwas mehr Lust am Rockigen auf der anderen. Natürlich führt Meyer in vielen Liedern wieder über Straßen ans ewige Meer. Er hat ein Stück mit Keimzeit-Sänger Norbert Leisegang geschrieben, eines mit Johann Poßin, und er covert „Wann, wenn nicht jetzt“ vom unvergessbaren Rio Reiser, der in wenigen Worten so viel sagen konnte. „Fasst euch ein Herz“ könnte das neue Album heißen, und das entsprechende Stück hat Biss. Ein liebevolles, nachdenkliches, schlicht gehaltenes Kinderlied gehört ebenfalls zum neuen Repertoire — Meyer weiß, für wen er singt.

In Teil zwei des Abends reihen sich Lieder, die bei Felix-Meyer-Konzerten nie fehlen. Dazu gehören Songs mit Passagen zum Mitsingen und Meyers großartige deutsche Fassung von Francis Cabrels „La Corrida“. Die Stimmung ist gelöst bis euphorisch, nach zwei und einer halben Stunde aber ist Schluss im T.NT.

Das neue Album wird voraussichtlich im März 2016 erscheinen. Vorher, im Oktober, kommt ein Doppel-Vinyl-Album heraus, Extrakt eines Konzertmitschnitts in Dresden, mit Gästen wie Cynthia Nickschas, die auch ein Duett auf dem neuen Album mit Felix Meyer singen wird. Ebenfalls im Oktober wird eine DVD fertig, passend zur „Landstraßentour“, die Felix Meyer mit seinem Gitarristen Erik Manouz auch ins Café Grenzbereiche in Platenlaase führen wird, am 31. Oktober.