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Ivan Yefimow spielt Mozarts Hornkonzert Nr. 1  und zwar auf einem Instrument ohne Ventile, der Klassik-Epoche entsprechend. Foto: t&w
Ivan Yefimow spielt Mozarts Hornkonzert Nr. 1 und zwar auf einem Instrument ohne Ventile, der Klassik-Epoche entsprechend. Foto: t&w

Erschröckliche Furien

ff Lüneburg. Wie wird wohl ein Song der Rolling Stones in 250 Jahren gesungen und gespielt, wenn alle elektronischen Speichermedien aus unserer Zeit zur Orientierung unzuverlässig geworden sind? Ein ähnliches Problem haben wir heute — beispielsweise — mit Werken von Johann Sebastian Bach. Wie Alte Musik zu ihrer Entstehungszeit geklungen haben mag und wie sie heute zu interpretieren ist, darüber streiten sich manche Künstler mit Leidenschaft. Eine Annäherung an den Klang, den der Komponist selbst erlebt hat, sucht der Dirigent Hans-Christian Euler.

Zusammen mit der Norddeutschen Kammerakademie, deren Besetzung im Wesentlichen mit den Lüneburger Sinfonikern identisch ist, ludt Euler in der Ritterakademie zu einem Streifzug, der von Bach über Gluck und Mozart bis zu Boccherini führte — Musik des 18. Jahrhunderts also. Den Schwerpunkt bildete die Oper „Don Giovanni“, als Solisten waren die Sopranistin Franka Kraneis (mit Arien der Donna Anna), Tenor Timo Rößner (als Don Ottavio) und der Hornist Ivan Yefimow zu hören. Das Ensemble hatte bereits im vergangenen Jahr unter dem Titel „Barocker Streicherglanz“ ein ähnliches Projekt realisiert.

Was klingt denn nun anders? Die Instrumente sind modern, aber an der Bauart einer Geige beispielsweise hat sich ohnehin nichts geändert, das gilt für viele Streich- und Blasinstrumente. Der Einsatz eines Cembalos, bei dem die Saiten nicht (wie bei einem Piano) angeschlagen, sondern gezupft werden, bringt aber mit dem zirpenden Klang eine andere Farbe ins Spiel. Ebenfalls der alten Zeit geschuldet war Mozarts Hornkonzert Nr. 1: Ivan Yefimow spielte ein Horn ohne Ventile, musste sich auf die harmonischen Naturtöne stützen, den Rest erzeugte er mit der Hand im Schalltrichter. Das Ergebnis: Der Klang war, vor allem in den virtuosen Passagen, nicht so knackig-markant wie bei dem Einsatz von Ventilen, sondern weicher, runder.

Das war typisch für das gesamte Konzert, das von Hans-Christian Euler nebenbei auch unterhaltsam moderiert wurde Wenn es dramatisch wurde in der Theatermusik, wenn sich die glühende Hölle öffnet, wenn sich im „Don Giovanni“ eine „erschröckliche Menge Furien“ auf den Helden stürzt, dann schlagen die Bläser Alarm, rauschen die Streicher in langen Notenketten in die Tiefe, dann ballen sich die düsteren Akkorde. Aber alles im Rahmen, ein wenig Erlebnisfähigkeit und Einfühlungsvermögen wird da schon vom Hörer verlangt, deswegen erläuterte Euler auch die Szenarien. Eines hat sich offensichtlich nicht geändert: Schon damals haben Komponisten fröhlich voneinander abgeschrieben.

Langer Applaus für alle Beteiligten, die der Intention des Dirigenten punktgenau folgten. Und auch wenn das Konzert nicht gerade spektakulär gut besucht war, so hat sich der Aufwand auf der Spur eines „historisch aufgeklärten Klanges“ ganz sicher gelohnt.