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Auf Großvaters Geburtstagsfeier geht es auch mal  - wörtlich genommen - knallhart zu. Foto: t&w
Auf Großvaters Geburtstagsfeier geht es auch mal - wörtlich genommen - knallhart zu. Foto: t&w

Familie muss man aushalten

es Lüneburg. Großvater wird 80 Jahre, deshalb wird im Landgasthof gefeiert. An diesem Ehrentag führt eben kein Weg an einem großen Fest vorbei. Leider freuen sich nicht alle gleichermaßen auf den bevorstehenden Abend: Omi Regina zum Beispiel hätte es am liebsten schon hinter sich, denn bei einer zünftigen Familienfeier kann so einiges schiefgehen. Tut es dann natürlich auch.

Zum Einstieg in die neue Spielzeit wagt sich das Erwachsenenensemble 3 des theaters im e.novum an „Familienbande“, einen Liederabend, den der in Hamburg lebende Komponist Franz Wittenbrink gemeinsam mit dem Autor Lutz Hübner geschaffen hat. Wittenbrinks Liederabende sind spätestens seit den legendären „Sekretärinnen“, die gerade eine Neuauflage in den Hamburger Kammerspielen erleben, regelmäßig auf deutschen Bühnen zu Gast. Welches Thema auch immer Wittenbrink in das Zentrum stellt: Er bringt zusammen, was musikalisch eigentlich nicht zueinander gehört. Ein Rocksong folgt auf die Schnulze, auch Anleihen bei der Oper sind erlaubt — Hauptsache, die Geschöpfe auf der Bühne werden lebendig.

Das Rezept funktioniert auch an diesem Abend. Familie ist nun mal ein kompliziertes Gefüge, deren Solisten, aller Verwandtschaft zum Trotz, meist nicht recht zueinander passen wollen. Da ist zum einen Onkel Albert (Heinz Rensing), ein typischer Vertreter der Generation grenzenloses Wirtschaftswunder. Derzeit ist der Mann leider bis über beide Ohren verschuldet. Ausgerechnet an Großvaters Ehrentag pumpt er deshalb Großmama Regina (Rita Linderkamp) um ein hübsches Sümmchen an. Alle anderen ist er angeblich schon um Geld angegangen, was nicht nur Tante Johanna (Christiane Worthmann) mächtig auf die Palme bringt.

Während sie sich ihre Ausbildung zur Yogalehrerin hart erarbeitet hat, bekam Albert von Mama schon immer eine Sonderbehandlung — das ist nicht einzusehen und daher Gegenstand für allerlei musikalische Abrechnungen der Geschwister untereinander. Denn nicht nur Onkel Albert, der von seinem Luxustöchterlein Polly (Malin Freitag) schwer getriezt wird, hat seine Midlifecrisis. Auch Schwester Sabine (Kirstin Rechten) erkennt, dass in ihrem ereignislosen Leben so einiges fehlt, was allerdings nicht immer mit Geld zu kaufen ist.

Die junge Generation hat andere Sorgen. Sabines brave Tochter Nele (Imke Ruhland) möchte einfach nur einen netten Abend verbringen und fragt sich, warum sich nicht einfach alle lieb haben können — doch so einfach ist das nicht, denn dazu sind die Mitglieder dieser Familienbande dann doch zu verschieden. Cousine Helena (Sarah Jakob) rebelliert permanent und ausdrucksstark gegen Mutter Johanna, die kapriziöse Polly ist eigentlich nur an Konsum interessiert und Cousin Julius (Ronny Berger) — der ist, mit Basecap und schwerem Goldkettchen, sowieso eine eigene Nummer, den muss man gesehen haben.

Hingucker für das weibliche Publikum und Ausbund an Musikalität ist an diesem Abend schließlich Johnny (Julien Ziegeler), der Adoptivsohn der gastgebenden Wirtin. Sowohl stimmlich als auch tänzerisch dominiert er die Bühne — da können nicht alle Darsteller mithalten, doch darum geht es auch nicht. Unter der Regie von Kerstin Steeb und der musikalischen Leitung von Hanne Franzen ist die Spielfreude im Ensemble deutlich zu spüren. Und sie springt über auf das Publikum: Große Begeisterung nach locker leichten zwei Stunden. Großer Applaus auch für die Mitglieder der Band Between Lines (Nils Ziegenbein und Daniel Maack), die den Abend musikalisch unterstützt.

Die „Familienbande“ ist wieder am 19., 25. und 26. September um 20 Uhr im e.novum zu sehen.