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Wolf Wondratschek liest, Christian Poltéra und seine Mara warten auf ihren Einsatz. Foto: t&w
Wolf Wondratschek liest, Christian Poltéra und seine Mara warten auf ihren Einsatz. Foto: t&w

Niedersächsische Musiktage: 304 Jahre und sehr lebendig

aat Bleckede. „Mara“ ist ein magischer Name in der Musikwelt, der Name eines Violoncellos, vielleicht des prominentesten seiner Art, denn es ist derzeit das teuerste und insofern das wertvollste Cello überhaupt. Antonio Stradivari schuf es vor 304 Jahren in Cremona. „Mara“, bestens erhalten, wird heute noch gespielt, seit 2012 von dem Cellisten und Schiff-Schüler Christian Poltéra. Durch viele Hände ging das Instrument, „erlebte“ in aller Welt so viel Interessantes, dass der in Wien lebende Autor Wolf Wondratschek eine gleichnamige poetisch-biographische Erzählung verfasste. Poltéra und Wondratschek sowie der Pianist Oliver Triendl bereicherten die unter dem Motto „Abenteuer“ stehenden 29. Niedersächsischen Musiktage im ausverkauften Bleckeder Schlosssaal.

Der voll besetzte Raum bot den perfekten, fast intimen Rahmen für diese ungewöhnliche Veranstaltung. Kaum beschönigte Hall den puren, samtfeinen, obertonreichen Klang des Cellos. Nach Grußworten seitens der veranstaltenden Sparkassenstiftung stellte der Schweizer Christian Poltéra seine „Mara“ mit Bachs „Sarabande“ aus der Cello-Solo-Suite Nr. 1 G-Dur vor. Das langsame, teils mehrstimmige Stück ließ der Cellist in beseelter Melodik leuchten. Auf fast bescheidene Art balancierte er Artikulations- und Klangschattierungen aus, ließ gleichsam „Mara“ den Vortritt vor einer deutlich eigenen Auslegung.

Ganz anders dann, klassisch spritzig, virtuos und leichtlebig erklang die Sonate für Cello und Klavier von dem Komponisten, dem das Cello seinen Namen verdankt: Giovanni Mara. Er war, wie Wondratschek aus seiner Erzählung las, ein seinerzeit berüchtigter Lebemann, der das Cello besaß, bis er 1808 starb. Leider habe er auch komponiert, soll Mozart geseufzt haben. Bisher jedoch war keines seiner Werke bekannt, erst Poltéra hatte diese harmlos-unterhaltsame Musik entdeckt, deren Aufführung im Rahmen der Musiktage also eine Welturaufführung war.

Mit Beethovens „7 Variationen über Bei Männern, welche Liebe fühlen aus Mozarts Zauberflöte“ und Schumanns romantisch überbordenden Fantasiestücken a-Moll op. 73 bestrickte das fein eingespielte Duo Poltéra/Triendl die Zuhörer. Poltéra verführte mit dem sensibel facettierten Klang des Instruments, spielte mit energiereichem, singendem Strich und schließlich im Finalstück von Witold Lutoslawski („Grave“ aus den „Metamorphosen für Cello und Klavier“) auch mit vital-aggressiver Beredtheit. Oliver Triendl erwies sich als höchst empfindsamer Begleiter und Primus inter Pares.

Wolf Wondratschek erzählt in seinem Buch aus der Ich-Perspektive des Cellos, verrät seine Herstellung aus alten Schiffsrudern, Katzendärmen und anderen Materialien, berichtet von Eigentümern, Fälschern, Begehrern des Wertobjekts, der „Aktie“, von der englischen und der italienischen Art zu musizieren, von der Tragödie, die dem Vorbesitzer der „Mara“, Heinrich Schiff, nicht mehr erlaubt, aufzutreten, von den aufregenden Verkaufsplänen und dem Glück, dass „Mara“ heute nicht im Tresor liegt. Wondratschek las aus der sechsten erweiterten Auflage seiner 2003 entstandenen, bestens recherchierten und spannenden Geschichte mit tiefer Stimme, langsam, deutlich, nachdenklich ein musik- und sprachbegeisterter Enthusiast. Nach dem Schumann-Werk plädierte er mit einer Zuhörerin für zwei Minuten Schweigen. Ihn und das Musikerduo belohnte frenetischer Schlussbeifall.