Aktuell
Home | Kultur Lokal | Es wurde niemals dunkel
Sabriye Tenberken, als Kind erblindet, und ihr Partner Paul Kronenberg helfen in Afrika und Asien Menschen mit Handicap und mit Visionen. Davon berichteten sie nun im Heine-Haus. Foto: t&w
Sabriye Tenberken, als Kind erblindet, und ihr Partner Paul Kronenberg helfen in Afrika und Asien Menschen mit Handicap und mit Visionen. Davon berichteten sie nun im Heine-Haus. Foto: t&w

Es wurde niemals dunkel

ff Lüneburg. Kantharis sind süß und scharf zugleich: Die kleine Chilischote säht sich selbst aus und ist unverwüstlich — und damit ist die Kanthari der ideale Namensgeber für die Projekte von Sabriye Tenberken. Im Jahre 1998 gründete sie mit ihrem Lebensgefährten Paul Kronenberg eine Blindenschule in Lhasa, in Tibet also; 2009 folgte das „kanthari-Institut“ — eigentlich: International Institute for Social Entrepreneurs — im südindischen Kerala. Sabriye Tenberken, selbst mit zwölf Jahren erblindet, reist um die Welt, um Menschen mit Handicap dafür auszurüsten, ihren eigenen Weg zu gehen. Im vollbesetzten Heine-Haus stellte sie jetzt zusammen mit Kronenberg ihr neues Buch „Die Traumwerkstatt von Kerala“ vor.

Kerala liegt in Südindien. Dort haben Tenberken und Kronenberg einen Campus für Menschen mit Visionen errichtet. Einer von ihnen ist Nicholas, ein stark sehbehinderter Afrikaner, der nun seinerseits in Kenia eine Schule für körper- und lernbehinderte Kinder gründete. Während Sabriye Tenberken an einem Marburger Fachgymnasium immerhin noch die denkbar beste Schul-Ausbildung bekam, müssen anderswo Kinder und Jugendliche neben ihrer Behinderung zusätzlich Spott (auch von den Lehrern!) ertragen — und womöglich als Verbündete böser Geister gelten. So begegneten die beiden kanthari-Betreiber tatsächlich in Afrika Akademikern, die im Zusammenhang mit Albinos, also Menschen mit weißer Haut, an Hexen denken und in ihrem Aberglauben unerschütterlich sind. Ein weites Aufgabengebiet für Pioniere wie Nicholas, der als Kind in seiner Angst auch noch zu stottern begann. Theater, Musik, improvisierte Rede, das sind Methoden aus dem kanthari-Kanon, die inzwischen weitergegeben werden. Nicht jeder Kanthari kann seinen Kindheitstraum verwirklichen. Einem blinden Jungen, der gern Taxifahrer geworden wäre, rieten sie, es besser als Gründer einer Taxizentrale zu versuchen. „Wir haben in sechs Jahren 117 Menschen aus 37 Ländern ausgebildet“, sagt Sabriye Tenberken mit einigem Stolz.

Für ihr Engagement, ihre Publikationen und Dokumentarfilme erhielt sie eine Reihe von Preisen. Ihr erstes Buch „Mein Weg führte nach Tibet. Die blinden Kinder von Lhasa“ (2000) wurde ein Bestseller, „Kerala“ ist bereits ihr viertes Buch. Lesen und schreiben lernen — daran führt einfach kein Weg vorbei. Mit dem Niederländer Kronenberg, der als Entwicklungshelfer mit umfangreicher Ausbildung ein ähnlicher global player ist wie sie, gründete Tenberken, die unter anderem Tibetologie studiert hatte, die Organisation „Braille ohne Grenzen — Braille without Borders“. Dazu gehörte auch die Entwicklung einer tibetischen Blindenschrift, so etwas gab es vorher in dem Lande nicht.

Mut macht Sabriye Tenberken, 1970 in Bonn geboren, auch den Blinden im eigenen Lande. Als kleines Mädchen war sie mit der Gewissheit konfrontiert, durch eine Krankheit der Netzhaut in einigen Jahren nicht mehr sehen zu können. Was tun? „Ich habe mich gefragt: `Was ist das Schöne an Blindheit?`“ So machte sie aus der Not überlebensnotwendige Tugenden, trainierte Konzentrationsfähigkeit, Ausdruckskraft der Sprache, Zielorientierung — mit Resultaten, die ihr weltweit (und natürlich auch im Heine-Haus) Bewunderung einbringen. Sabriye Tenberken: „Es wurde niemals dunkel.“