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Auf die Suche nach einem Mehr an Musik begeben sich (v.l.) Kai Thomsen (CD-Kaserne Celle), Matthes Günther (ensemble reflektor), Markus Lüdke (Musikland Niedersachsen) und Hannes Piening (Landesmusikrat Niedersachsen). Foto: t&w
Auf die Suche nach einem Mehr an Musik begeben sich (v.l.) Kai Thomsen (CD-Kaserne Celle), Matthes Günther (ensemble reflektor), Markus Lüdke (Musikland Niedersachsen) und Hannes Piening (Landesmusikrat Niedersachsen). Foto: t&w

Musikschule: Hauptsache innovativ

oc Lüneburg. Es kommt auf die Zeichensetzung an: „Mehr Musik!?“ Darin steckt eine Forderung, und darin verbirgt sich auch ein Warum und Wie. In der Musikschule trafen sich gestern Musiker, Veranstalter, Förderer und Lehrende, um darüber zu sprechen, wie es weitergeht mit dem Musikleben in den Schulen, bei den Ausführenden, beim Publikum. Eingeladen hatte der Lüneburgische Landschaftsverband, und im Zentrum stand eine Podiumsdiskussion, die unter anderem Fragen an die Förderkriterien stellte. Kann es richtig sein, dass Musik nur dann gefördert wird, wenn es um Projekte geht und wenn diese innovativ sind — was immer das bedeutet: innovativ?!

Es ist halt ein Schlagwort und bedeutet unter Umständen das Gegenteil von einem anderen Schlagwort, das auch ständig gefordert wird: nachhaltig. Hannes Piening, Generalsekretär des Landesmusikrates, gab ein Beispiel: Der seit gut 30 Jahren bestehende Lüneburger Jazzworkshop für Schüler findet in diesem Jahr nicht statt — als Opfer gestrichener Fördermittel. Der Jazzworkshop ist vom erprobten Konzept her sicher nicht mehr innovativ, für seine jungen Teilnehmer aber ist er es eben doch, und er ist bzw. wirkte über die Jahre ausgesprochen nachhaltig.

Piening machte darüber hinaus deutlich, welche Probleme es bereitet, bei Schülern überhaupt ein musikalisches Fundament zu legen. Die Ganztagsschule lasse einen zeitlichen Korridor von etwa fünf Stunden übrig, in die Schularbeiten, Sport, Freunde treffen und eben auch Musizieren passen müssen. „Mehr Zeit für Musik“, forderte Piening in der Diskussion, die Markus Lüdke moderierte, er ist Geschäftsführer der aus öffentlichen Mitteln gespeisten Bildungseinrichtung Musikland Niedersachsen.

Dass ein Weniger an Musikmachen bei jungen Leuten vielleicht nicht an fehlender Zeit, sondern an veränderten Interessen liegt, machte Kai Thomsen deutlich. Er hat als Geschäftsführer der Celler CD-Kaserne den Blick auf rund 200 Veranstaltungen pro Jahr. „Die Jugendkultur ist, was Bands betrifft, fast ausgestorben“, meint er. Selbst für Wettbewerbe wie „Local Heroes“ fehle es an Bewerbern. Im Vordergrund stünden bei jungen Menschen Themen wie Fitness und Gaming. Parallel erlebt Thomsen ein Mehr an Musik — bei Älteren. Die tradierte Musikszene habe aber den Anschluss an die Jugendkultur bzw. diese an die neuen Medien verloren.

Für klassische Musiker heiße es, näher ans erhoffte Publikum zu rücken. Das versuchen Ensembles, die sich nicht im typischen Umfeld von Abo-Reihen bewegen. Posaunist Matthes Günther managt das ensemble reflektor, das sich aus sehr guten klassischen, frei arbeitenden Nachwuchsmusikern zusammensetzt. Sein Debüt gab das Orchester in der Lüneburger Musikschule. Demnächst steht ein Auftritt im Hamburger Club Gruenspan an, dort, wo die Musiker auch gern tanzen gehen. Ob Auftragswerk, Solokonzert, Sinfonie: Die Qualität muss stimmen, aber: „Das Projekt muss zugleich vermitteln, dass diese Musik etwas mit den Leuten, die sie hören, zu tun hat.“

Abhängig ist das Ensemble wiederum von Projektförderung, was zugleich bedeutet, dass die Musiker weit weg sind von einer verlässlichen Lebenskostenabsicherung. Nur jeder zehnte Studienabsolvent habe die Chance, in eines der Kulturorchester zu kommen, sagte Lüdke. Der Zwang zum Innovativen ist also auch, um zu überleben, gegeben.